
Im E-Commerce-Fulfillment zählt die Kommissionierung zu den kostenintensivsten Prozessen eines Lagers. Sie beansprucht häufig mehr als die Hälfte der gesamten Betriebskosten, wobei die Arbeitskosten pro Stunde in Hochlohnregionen schnell auf 25 bis 35 Euro steigen. Gleichzeitig erreichen menschliche Kommissionierer in klassischen Prozessen meist nur 100 bis 150 Einheiten pro Stunde, in optimierten Systemen etwa 250. Diese Ausgangssituation zeigt, dass der wirtschaftliche Erfolg der Automatisierung eng damit verknüpft ist, ob Roboter in der Lage sind, diese Kostenstrukturen zu verbessern. Der ROI wird damit zum entscheidenden Kriterium dafür, in welchen Bereichen der Automatisierung Roboter sinnvoll eingesetzt werden können.
Automatisierung für konstante Leistung und planbare Prozesskosten
Der Return on Investment (ROI) robotergestützter Systeme lässt sich nicht als einzelne Kennzahl definieren. Vielmehr beschreibt er einen Bereich, der sich aus Leistungsfähigkeit, Systemauslastung, Kostenstruktur und Prozessgestaltung ergibt. Entscheidend ist, ob ein Roboter zuverlässig in einem wirtschaftlichen ‚Wertbereich‘ arbeitet, in dem die Stückkosten pro Kommissionierung unter denen manueller Arbeit liegen – oder ob er lediglich die Kosten ausgleicht. Dieses Verständnis ist zentral, denn Automatisierung entfaltet dort ihren Nutzen, wo konstante Leistung und planbare Prozesskosten entstehen, nicht dort, wo theoretische Spitzengeschwindigkeiten erzielt werden.
Break-even-Szenarien als strategisch sinnvoller Einstiegspunkt
Im niedrigsten wirtschaftlichen Bereich erreicht ein Roboter lediglich die gleichen Kosten pro Kommissionierung wie ein menschlicher Mitarbeiter. Dieses Szenario entsteht häufig nicht durch mangelnde Leistungsfähigkeit des Systems, sondern durch unzureichende Auslastung. Wenn beispielsweise der Materialfluss oder die Zuführung der Behälter nur 150 Artikel pro Stunde bereitstellt, kann ein Roboter, der technisch mehr als das Dreifache leisten könnte, diesen Vorteil nicht ausspielen. Dadurch bleibt der wirtschaftliche Effekt begrenzt, und der Betrieb gelangt in eine Zone, die im Kern einem finanziellen Stillstand entspricht. Dennoch kann der Einsatz eines Roboters selbst in dieser Situation sinnvoll sein, denn er liefert konstanten Durchsatz ohne Ermüdung, ohne Schichtzuschläge und ohne das Risiko von Leistungseinbrüchen. Während menschliche Kommissionierer besonders in Nacht- und Langschichten langsamer werden und die Fehlerquote steigt, arbeitet ein Roboter durchgehend mit gleichbleibender Präzision. „Roboter haben keine Leistungskurve. Sie arbeiten nachts genauso stabil wie tagsüber und genau das macht sie wirtschaftlich interessant“, erklärt Ralf Gulde, CEO von Sereact. „In Umgebungen mit Fachkräftemangel oder hohem Bedarf an planbarer Verfügbarkeit kann dieser stabile Betrieb einen klaren Nutzen erzeugen.“
Der mittlere ROI-Bereich als wirtschaftlicher Sweet Spot
Im mittleren Wertbereich entsteht ein wirtschaftlicher Vorteil robotergestützter Kommissionierung. Roboter müssen in diesem Szenario nicht schneller arbeiten als Menschen, sondern ihre Leistung vor allem verlässlich und ohne Schwankungen aufrechterhalten. Während menschliche Kommissionierer im Laufe einer Schicht an Tempo verlieren und nachts einen geringeren Arbeitsertrag erzielen, arbeitet ein Roboter jede Stunde mit gleichbleibender Geschwindigkeit. Dadurch kann er über den Tag hinweg die effektive Leistung von zwei bis drei Schichten übernehmen und so die Betriebskosten spürbar senken. Die konstanten Durchsätze führen dazu, dass die Kosten pro Kommissionierung unter das Niveau manueller Arbeit fallen und bei hoher Auslastung unter 0,20 Euro liegen können. Gleichzeitig verbessert die hohe Genauigkeit, die in diesem Bereich oft über 99 Prozent liegt, die Qualitätsleistung und reduziert fehlerbedingte Kosten. In vielen Fulfillment-Umgebungen ermöglicht diese Kombination aus Zuverlässigkeit, stabiler Auslastung und geringer Fehlerquote eine Amortisation innerhalb von zwei bis drei Jahren und macht diesen Bereich zum wirtschaftlich attraktivsten Ziel der Automatisierung. Mit einer hängenden Beschilderung über 18.000 Stellplätzen hat ONK den Boden für die Digitalisierung im Lager von Feldsaaten Freudenberger bereitet. ‣ weiterlesen
Flexibilität hängt oben
Hochwertige ROI-Zone: Automatisierung als Wachstumstreiber
In außergewöhnlichen Szenarien verschiebt sich der ROI in einen besonders attraktiven Bereich. Dies gelingt jedoch nur unter idealen Bedingungen, in denen das gesamte System ohne Engpässe arbeitet. Wenn Artikel ohne Wartezeiten bereitstehen, mehrere Picks aus einem Behälter möglich sind und der Roboter dauerhaft ausgelastet ist, lassen sich Kommissionierleistungen von über 450 Einheiten pro Stunde erreichen; in Spitzen sogar bis zu 1.000. Die Kosten pro Kommissionierung sinken dann deutlich unter 0,15 Euro, unterstützt durch eine Genauigkeit von über 99,5 Prozent.
„Wenn Prozesse vollständig zusammenpassen – von der Datenlage bis zur Behälterpräsentation – können Roboter eine Leistung entfalten, die weit über das hinausgeht, was manuell möglich ist“, so Gulde.
Gleichzeitig bleibt diese Hochleistungssituation die Ausnahme, da viele Goods-to-Person-Systeme durch ihre Behälterpräsentation technisch auf etwa 200 bis 400 Behälter pro Stunde begrenzt sind. Auch schwankende oder geringe Volumina können die Auslastung reduzieren und den theoretischen Vorteil schmälern. Wird diese Zone jedoch erreicht, ermöglicht sie erhebliche Arbeitsersparnisse, hohe Skalierbarkeit und die Bewältigung starker Spitzen ohne zusätzliche Personalressourcen.
Begrenzende Faktoren, die den ROI beeinflussen
Der wirtschaftliche Nutzen eines Roboters hängt maßgeblich davon ab, ob das Gesamtsystem seine Leistung unterstützt. „Viele Unternehmen unterschätzen, wie stark die Infrastruktur den Roboter limitiert. Der beste Roboter kann nur dann mehr leisten, wenn das System ihn auch entsprechend versorgt“, betont Gulde. Ein wesentlicher limitierender Faktor ist die Geschwindigkeit, mit der neue Behälter oder Kisten an der Kommissionierstation ankommen. Benötigt ein System beispielsweise sechs Sekunden für die Bereitstellung eines Behälters, liegt die theoretische Obergrenze bei rund 600 Picks pro Stunde, unabhängig vom Tempo des Roboters. In vielen Goods-to-Person-Systemen begrenzen 200 bis 400 Behälterpräsentationen pro Stunde daher die praktisch erreichbare Leistung. Diese Grenze kann zwar durch eine hohe Trefferquote, also mehrere Entnahmen aus demselben Behälter, teilweise ausgeglichen werden, bleibt aber ein entscheidender Einflussfaktor für den ROI.
Hinzu kommt, dass nicht alle Artikel gleich gut automatisiert werden können. Sehr kleine, transparente oder unregelmäßig geformte Objekte verlangsamen den Prozess, weshalb viele Betriebe nur die einfacheren 80 Prozent der SKUs automatisiert kommissionieren und anspruchsvollere Artikel weiterhin manuell bearbeiten. Darüber hinaus benötigen Roboter regelmäßige Wartung und erreichen typischerweise eine Betriebszeit von etwa 98 Prozent, was bei der ROI-Betrachtung eingeplant werden muss. In der Anfangsphase arbeiten Systeme zudem häufig noch im niedrigen Wertbereich, bis Feinabstimmung und Prozessanpassungen vorgenommen wurden. Erst wenn diese Faktoren berücksichtigt und optimiert sind, kann ein Roboter seine wirtschaftliche Wirkung voll entfalten.
Fazit: Roboter sind sinnvoll, wenn sie die wirtschaftliche Wertzone zuverlässig erreichen
Der Einsatz von Robotern lohnt sich überall dort, wo sie im laufenden Betrieb einen stabilen und wirtschaftlich vorteilhaften ROI erzielen. Sie müssen keine Rekordleistungen erbringen; entscheidend ist, dass sie zuverlässig, konstant und mit geringen Fehlerraten arbeiten. „Für uns steht im Zentrum, dass ein System die Realität versteht und darauf reagieren kann“, beschreibt Ralf Gulde. „Ein Roboter, der selbstständig erkennt, was im Behälter passiert oder wo ein Prozess aus dem Ruder läuft, schafft eine Qualität im Ablauf, die weit über reine Geschwindigkeit hinausgeht.“ Wenn Roboter in der Lage sind, Kommissionierungen zu Stückkosten zu ermöglichen, die nachhaltig unter denen eines Menschen liegen, und gleichzeitig die Prozessstabilität erhöhen, Fehler reduzieren und die Belegschaft entlasten, werden sie zu einem wirtschaftlich sinnvollen Bestandteil des Fulfillment-Betriebs. Die erfolgversprechendsten Automatisierungsprojekte orientieren sich deshalb nicht an theoretischen Maximalleistungen, sondern daran, ob Roboter langfristig in der wirtschaftlichen Wertzone arbeiten.
















