
Noch bevor der erste LKW die Rampe erreicht, herrscht auf dem Betriebshof bereits Bewegung: Motoren laufen, Funkgeräte knacken, Fahrer warten auf ihre Zuweisung. Zwischen Einfahrtstor und Lagerhalle entsteht ein eigener Kosmos aus Zeitdruck, Koordination und improvisierter Ordnung. Genau hier setzt die Hoflogistik an und überführt das scheinbare Durcheinander in klar strukturierte Abläufe, in denen jeder Trailer, jede Wechselbrücke und jedes Zeitfenster eine definierte Rolle erhält.
Digitale Systeme schaffen bereits heute Transparenz und Steuerbarkeit im Hintergrund. Sie bilden die operative Grundlage für effizient organisierte Hofprozesse. Anwendungen wie der Yardmanager, eine von Möller Industriedienstleistungen aus Hamburg entwickelte Software, koordiniert zentrale Abläufe auf Betriebshöfen. Dazu zählen neben der Disposition von Hoffahrzeugen, LKW und Ladeeinheiten wie Trailern oder Wechselbrücken auch die Leitstandüberwachung, Fahrwegoptimierung und das Schadenmanagement. Echtzeittracking, automatisierte Auftragssteuerung, Reporting sowie Schnittstellen zu Technologien wie RFID oder GPS sind weitere Funktionen des Yardmanagers. Und damit wird der oftmals dynamische und schwer überschaubare Betriebshof zunehmend zu einem präzise gesteuerten Knotenpunkt innerhalb der Lieferkette.
Die nächste Stufe der Digitalisierung
Doch trotz fortschreitender Digitalisierung bleiben in vielen Speditionen und Logistikunternehmen wesentliche Abläufe weiterhin manuell – etwa die Identifikation von Wechselbrücken, deren Zuordnung zu den Toren oder das korrekte Abstellen auf dem Hof. Genau hier setzt die Idee von Michael Möller an. Der Inhaber und Geschäftsführer von Möller Industriedienstleistungen verfolgt die Vision, jede Wechselbrücke mit einem kleinen, energieeffizienten Funkmodul auszustatten, das regelmäßig Statusdaten sendet. „Noch ist das ein Zukunftsszenario, aber kein unrealistisches“, sagt Möller, der die nächste Stufe der Digitalisierung auf dem Betriebshof einläuten möchte.
Robuste und weitreichende Kommunikation
Für die technische Umsetzung hat der Unternehmer das Fraunhofer-Institut für Integrierte Schaltungen IIS ins Boot geholt. Dieses hat die Funktechnologie Mioty entwickelt – einen softwarebasierten Low Power Wide Area Network (LPWAN) Standard für industrielle Anwendungen, der eine robuste, energieeffiziente und weitreichende Kommunikation ermöglicht. Mioty zerlegt Nachrichten in viele kleine Fragmente, die einzeln übertragen werden. Dadurch bleibt die Kommunikation selbst dann stabil, wenn Teile der Übertragung gestört sind. Auf Basis dieses LPWAN-Standards will das Fraunhofer IIS nun in einem Projekt untersuchen, wie sich unabhängig von der lokalen IT Infrastruktur des Kunden ein widerstandsfähiges, zuverlässiges und effizientes System zur Kommunikation vernetzter Geräte realisieren lässt.
„Im geplanten Projekt soll ein Prototyp entstehen, der aus einer Mioty Basisstation, mobilen Wechselbrücken Modulen und einer Anbindung an das Fraunhofer Living Lab besteht und so die generelle Machbarkeit des beschriebenen Konzepts aufzeigt“, sagt Tobias Dräger, beim Fraunhofer IIS in der Abteilung energieautarke Funksysteme im Bereich Lokalisierung und Vernetzung. Implementiert werden sollen zunächst Funktionen wie An und Abmeldung von LKW sowie Zuordnung von Wechselbrücken zu Toren. Weitere Funktionen wie die Positionsbestimmung auf dem Gelände können seiner Aussage zufolge später ergänzt werden.

Funktionsfähiges Testsystem
Möller Industriedienstleistungen könnte als Praxispartner über eine Schnittstelle angebunden werden und so über die Geräte Daten effizient an einen zentralen Server übermitteln sowie von dort abrufen können. Der geplante Prototyp bildet die Grundlage für ein späteres Produkt, das bei großen Logistikdienstleistern zum Einsatz kommen könnte. „Wir wollen ein funktionsfähiges Testsystem entwickeln, das bei großen Logistikdienstleistern zum Einsatz kommen könnte“, sagt Dräger.
Die Reichweite der Mioty Technologie – laut Fraunhofer IIS „aus einigen Kilometern Entfernung“ – ermöglicht eine frühzeitige Voranmeldung der Ladeeinheiten. Sie soll durch Nahbereichserkennung wie etwa Bluetooth oder RFID ergänzt werden. So kann das System präzise erfassen, wenn ein Fahrzeug eine Schranke passiert oder ein Tor ansteuert. Ein Kernproblem vieler heutiger Yardmanagement Systeme sei die manuelle Eingabe von Wechselbrückennummern. Das kostet Zeit und ist fehleranfällig. Im neuen Ansatz entfällt dieser Schritt vollständig. Sobald ein Rangierfahrzeug eine Brücke unterfährt, erkennt es automatisch, um welche Einheit es sich handelt.
Digitale Services über firmeneigene Softwareplattform
Möller Industriedienstleistungen ist überzeugt, mit Mioty eine geeignete Technologie gefunden zu haben, um eigene Geräte an Kundenstandorten zuverlässig und energieeffizient anzubinden. Dadurch könnte das Unternehmen zusätzliche digitale Services über die firmeneigene Softwareplattform bereitstellen, ohne dabei auf die IT-Infrastruktur der Kunden angewiesen zu sein. Durch eine weitgehend unabhängige und gleichzeitig sehr robuste, drahtlose Kommunikation sollen neue Leistungsmerkmale schneller ausgerollt und bestehende Prozesse flexibler erweitert werden können.
„Es soll eine Identifikationslösung für Wechselbrücken gegenüber Toren und Umsetzfahrzeugen entstehen, die auch die Navigation autonomer Fahrzeuge ermöglicht“, sagt Möller. Liegt also ein Fahrauftrag vor, fährt das Fahrzeug selbstständig zum vorgesehenen Tor. Steuert es versehentlich ein falsches Tor an, gibt das System ein Warnsignal aus. Die digitale Steuerung deckt damit den gesamten Prozess ab – vom Eintreffen der Brücke bis zur Ablage am richtigen Tor. „Wir wollen die Wechselbrücke zu einem digitalen Objekt machen, das sich selbst anmeldet, identifiziert und steuern lässt“, resümiert Möller. Und damit den Weg zu einem effizienteren, sichereren und interoperablen Yardmanagement ebnen.















