
Um zu verstehen, was hinter dem Begriff ‚Fiori First‘ steckt, lohnt ein kurzer Blick auf die technischen Grundlagen. SAP UI5 ist das HTML5- und Java Script-Framework, mit dem neue SAP-Anwendungen programmiert werden. SAP Fiori hingegen ist mehr als nur Optik: Es ist eine Design-Guideline und ein Architekturkonzept, das definiert, wie Informationen und Aktionen innerhalb einer Anwendung angeordnet werden und welche Layouts zur Verfügung stehen.
Ergänzt werden diese beiden Ebenen durch sogenannte Smart Controls: Oberflächenelemente, die über die OData-Schnittstelle nicht nur Daten, sondern auch semantische Informationen aus dem Backend beziehen. Gehört zu einem Betrag etwa eine Währung, zeigt das Eingabefeld diese automatisch an, weil die Information bereits in der Schnittstelle steckt. Diese Form der Datenkommunikation unterscheidet sich grundlegend von der klassischen SAP-Welt, in der Oberfläche und Logik stärker miteinander verwoben sind.
2018 hat SAP offiziell die ‚Fiori First‘-Strategie formuliert: Bestandsanwendungen sollen schrittweise auf Fiori umgestellt werden. Neue Technologien – etwa KI-Funktionen, Suchservices oder moderne Entwicklungsframeworks wie RAP – entstehen primär für diese Architektur. Klassische Oberflächen werden dagegen nur noch eingeschränkt weiterentwickelt und verlieren langfristig an Relevanz.
Früh erkannt, konsequent umgesetzt
Swan hat diese Entwicklung früh antizipiert. Bereits 2015, nur zwei Jahre nach dem ersten UI5-Release, entstand der erste eigene UI5-Dialog in einem Kundenprojekt. Daraus folgte eine klare Entscheidung: UI-Entwicklung nicht als Nebenaufgabe zu behandeln, sondern als eigene Disziplin zu etablieren.
UI5 und Fiori basieren auf Java Script und unterscheiden sich damit grundlegend von der klassischen ABAP-Entwicklung. Auch architektonisch geht der Ansatz weiter: Statt enger Kopplung entsteht eine klare Trennung über Schnittstellen. Werden bestehende Transaktionen lediglich optisch modernisiert, bleibt ihr Aufbau unverändert, Potenziale der neuen Technologie werden nicht genutzt. Viele Wettbewerber übertragen überladene Alttransaktionen unreflektiert in die neue Technologie: Das Erscheinungsbild wirkt moderner, doch die strukturellen Schwächen, darunter eine unüberschaubare Anzahl an Bedienelementen, bleiben bestehen.
Heute kann Swan auf mehr als 250 realisierte UI5-Dialoge aus unterschiedlichen Projekten zurückgreifen, kombiniert mit individueller Anpassung an den jeweiligen Prozess.
Usability, die zur Arbeitsrealität passt
Im Logistikumfeld ist Usability kein zusätzlicher Komfort, sondern ein zentraler Erfolgsfaktor im täglichen Betrieb. Mitarbeiter arbeiten häufig unter Zeitdruck, tragen Schutzausrüstung, bedienen Stapler oder wechseln regelmäßig zwischen unterschiedlichen Arbeitsplätzen. Anwendungen müssen diese Rahmenbedingungen konsequent berücksichtigen.
Die Anforderungen unterscheiden sich je nach Branche: In Chemie und Pharma stehen Sicherheit und Verifikation im Vordergrund, im Handel Geschwindigkeit und Effizienz. In Kühlhäusern bestimmen physische Bedingungen das Design, während auf dem Stapler eine reduzierte Darstellung entscheidend ist. Dadurch werden Einarbeitungszeiten verkürzt und Fehlerquoten insbesondere in wechselnden Teams deutlich gesenkt.
Ergänzend zu den SAP-Designrichtlinien wurde eine eigene Komponentenbibliothek für logistische Anforderungen entwickelt. Spezialisierte UI-Elemente und eine konsistente Struktur stellen sicher, dass Anwendungen auch in komplexen Einsatzszenarien verständlich und effizient bedienbar bleiben.
Vom Kontext zum Klick-Dummy
Gute UI-Entwicklung beginnt nicht mit dem Code, sondern mit dem Verständnis des Nutzungskontexts. Dazu gehören Einsatzumgebung, konkrete Anforderungen und die jeweiligen Prioritäten der Anwender. Auf dieser Grundlage erfolgt eine detaillierte Prozessanalyse mit dem Ziel, Inhalte zu reduzieren und Abläufe zu vereinfachen.
Im nächsten Schritt entstehen erste Mockups und klickbare Prototypen. Sie ermöglichen es, Anwendungen frühzeitig zu testen und Feedback strukturiert einzuarbeiten. Dabei zeigt sich häufig, wie stark Nutzer an bestehende Oberflächen gewöhnt sind. Gleichzeitig wird deutlich, welches Potenzial in klar strukturierten und bewusst reduzierten Anwendungen liegt. Erst nach dieser Abstimmungsphase beginnt die technische Umsetzung. Dadurch lassen sich spätere Anpassungen reduzieren und die Akzeptanz der Anwendung im produktiven Einsatz deutlich erhöhen.
Technische Möglichkeiten gezielt nutzen
Neben methodischen Aspekten eröffnet UI5 auch technisch neue Spielräume. Anwendungen können mehrere Systeme parallel einbinden und Daten zusammenführen. So lassen sich beispielsweise SAP-Prozesse und externe Lösungen in einer Oberfläche integrieren.
Darüber hinaus ermöglichen erweiterte Komponentenbibliotheken eine konsistente Gestaltung über verschiedene Anwendungen hinweg. Auch komplexere Funktionen, etwa Visualisierungen oder spezielle Eingabemethoden wie Unterschriften per Finger, lassen sich direkt integrieren.
Beispiele reichen bis hin zu integrierten 3D-Darstellungen logistischer Prozesse. Die Benutzeroberfläche dient damit nicht mehr ausschließlich der Dateneingabe, sondern unterstützt aktiv die Steuerung und Interaktion von Prozessen.
Zukunftssicherheit durch ‚Fiori First‘
Die strategische Ausrichtung von SAP ist klar erkennbar: Neue Funktionen entstehen zunehmend im Fiori-Ökosystem, insbesondere im Kontext von Cloud- und KI-basierten Entwicklungen. Für Unternehmen bedeutet das, in eine Architektur zu investieren, die langfristig tragfähig ist. SAP UI5-Anwendungen sind dabei plattformunabhängig und lassen sich in unterschiedlichen Systemlandschaften betreiben. Das Fiori Launchpad ermöglicht zudem den parallelen Betrieb von neuen und bestehenden Anwendungen, wodurch schrittweise Modernisierungen ohne Systembrüche möglich werden. Gerade im Umfeld von SAP EWM zeigt sich zudem, dass der Standard noch nicht alle praxisrelevanten Anforderungen abdeckt. Individuelle Anwendungen können diese Lücken gezielt schließen und behalten auch dann ihren Mehrwert, wenn SAP zu einem späteren Zeitpunkt eigene Standardlösungen bereitstellt.
Fiori First als strategischer Wandel in SAP-Systemen
Moderne SAP-Oberflächen sind weit mehr als ein rein optisches Update, sie sind ein zentraler Bestandteil der Systemstrategie. Sie beeinflussen maßgeblich, wie effizient Prozesse im Alltag ablaufen und wie gut Systeme von den Anwendern akzeptiert werden. Mit SAP Fiori und UI5 steht eine Technologie zur Verfügung, die diese Anforderungen gezielt unterstützt. Entscheidend ist jedoch, Anwendungen nicht nur technisch zu modernisieren, sondern sie konsequent am tatsächlichen Nutzungskontext auszurichten.
‚Fiori First‘ beschreibt damit einen grundlegenden Perspektivwechsel: weg von funktional gewachsenen Oberflächen hin zu klar strukturierten, nutzerzentrierten Anwendungen. Unternehmen, die diesen Schritt konsequent gehen, modernisieren nicht nur ihre Oberfläche, sie schaffen eine SAP-Landschaft, die einfacher nutzbar, flexibler erweiterbar und langfristig zukunftsfähig ist.
















