Pro Tag 20 Tonnen rein und 20 Tonnen raus

Etwa 35 Teilnehmer nahmen die Einladung von Dematic an und trafen sich zum Kundentag beim Hartmetallhersteller Ceratizit in Kempten, um Vorträgen zu hören und das neue Logistikzentrum zu besichtigen. Hier spricht Rainer Schmid, Senior Director Dematic.
Etwa 35 Teilnehmer nahmen die Einladung von Dematic an und trafen sich zum Kundentag beim Hartmetallhersteller Ceratizit in Kempten, um Vorträgen zu hören und das neue Logistikzentrum zu besichtigen. Hier spricht Rainer Schmid, Senior Director Dematic.Bild: Dematic GmbH

Der erste Eindruck, wenn man in die „kleine Lagerhalle“ von Ceratizit hineinspaziert: es ist viel Platz und „Luft“ und keinerlei Hektik zu spüren. Und das bei einer Warenmenge von 20 Tonnen, die täglich vereinnahmt und täglich versendet werden. Anders ausgedrückt: Pro Tag verlassen bis zu 4.000 Pakete das Logistikzentrum des Hartmetallherstellers in Kempten in Richtung 120 Länder weltweit. Das Besondere am Wareneingang: die Ware muss nicht angefasst werden, sie wird mit den Kartons in die Behälter gelegt; anschließend werden die flexiblen Unterteilungen über ein Kamerasystem mittels Bilderfassung mit den Behältern automatisch „verheiratet“ – wobei damit auch die exakte Position im Behälter erfasst und gespeichert wird, ohne dass dies ein Mitarbeiter wie sonst üblich manuell erfassen müsste. Die teilweise winzigen Bohrblätter und Hartmetallstäbe treten dann auf der hochautomatisierten Förderanlage ihre Reise ins Multi-Shuttle-Lager von Dematic an. Nur die Halbfertigwaren, die zu groß oder zu selten bestellt werden, kommen ins manuelle Palettenlager. Auf die effiziente Kommissionierung wurde ebenfalls Rücksicht genommen und „Zero-Error-Picking“-Arbeitsplätze geschaffen. Hierzu wurden zusätzlich ein Pick-to-Light-System, Waagen und Eingriffskontrollen installiert.

Wenn man die sieben Meter hohe Halle durchquert und um die Ecke läuft, wird der Eindruck der „Luftigkeit“ noch verstärkt. Im hinteren Teil, der nun 14m hohen Halle ist das 60m lange, 28m breite und 11m hohe Automatiklager untergebracht. Es hat sieben Gassen, 32 Ebenen und bietet Platz für 90.000 Behälter. Davor sind die 26 Kommissionierplätze angeordnet und davor noch reichlich viel Platz. Das war auch so gewollt – wie Logistikleiter Axel Pracht in seinem Einführungsvortrag den Teilnehmern des Kundentags, die im improvisierten Meetingraum direkt neben dem Wareneingang Platz genommen haben, bestätigt – man wollte ausreichend Platz für eine spätere Verdoppelung des Systems einplanen.

Verdoppelung der Lagerkapazität möglich

Alles, was bis 19 Uhr bestellt wird, wird am selben Tag noch bearbeitet und versendet und der Kunde erhält die Ware am nächsten Tag. Diesen hohen Servicelevel zu halten, war die Vorgabe für das Beratungsunternehmen, das ins Boot geholt wurde, um bei der Auswahl der Lagertechnik mitzuwirken. Es ging nicht um eine Umstellung „von 0 auf 100“, weil der Hartmetallhersteller bereits zwei Shuttle-Systeme im Einsatz hatte. Allerdings waren die Kapazitätsgrenzen erreicht. „Nun ist die Leistung des Systems auf das 2,5-fache des Jahresdurchschnitts ausgelegt“ so Dr. Jens Ludwig von IO Consultants. Und noch wichtiger: eine Skalierung ist möglich, genauer: „Die Anlage kann auf die doppelte Größe skaliert werden“, so der Berater, der Ceratizit während des Großprojekts zur Seite stand.

Der Spatenstich erfolgte 2019 auf der „grünen Wiese“ nur 800m vom bisherigen Standort entfernt, die Umstellung erfolgte schrittweise ohne großen „Big Bang“ Ende 2021/Anfang 2022. An vier Wochenenden fand der Umzug statt; hier werden noch einmal die Dimensionen deutlich: Mit 240 Helfern wurden 85.500 Materialien mit einem Gewicht von 1000t ins neue, 17.000m2 große Logistikzentrum transportiert; 100 LKW-Fahrten waren dazu nötig.

Angereist aus allen Teilen der Republik – und einem Schweizer Kanton

„Was machen die anders als wir?“ und „was können wir uns vielleicht abgucken?“. Eine gute Portion Neugierde war wohl einer der Gründe, warum sich eine Gruppe von über 35 Teilnehmern beim Kundentag in Kempten in Allgäu zusammenfand, um die Logistikprozesse eines großen Hartmetallherstellers und das Automatiklager von Dematic näher kennenzulernen. Gastgeber war die Firma Ceratizit, die bereit war, den Blick hinter ihre Lagerkulissen freizugeben und exklusive Einblicke in die Entstehungsgeschichte des hochmodernen Lagerneubaus und Funktionsweise des Shuttle-Lagers gewährte. Ceratizit sieht sich als sowohl als Hartmetall-Pionier als auch als Vorreiter beim Recycling, wie Produktmanager Frei in seinem Einführungsvortrag erzählte. Die Zuhörer erfuhren, wo die aus den Werkstoffen Wolfram und Molybdän hergestellten Hartmetalle Anwendung finden. Sie werden beispielsweise in Smartphones verbaut, werden zu Sägeblättern in Gesteinsbohrern verarbeitet oder landen in Lollipop-Fräsern, mit denen Turbinen bearbeitet werden.

Die Teilnehmer kamen teilweise von weit her – aus dem Saarland, aus Thüringen, Baden-Württemberg und sogar aus der Schweiz aus dem Kanton Zürich. Logistiker und Produktionsleiter von namhaften Herstellern kamen ins Allgäu, um sich Inspiration zu holen; auch Logistik- und Prozessberater konnten einen Eindruck von der Zusammenarbeit zwischen Ceratizit, dem Beratungsunternehmen IO Consultants und dem Anlagen- und Softwarelieferanten Dematic gewinnen und erfuhren, was sich für ein Projekt in diesem Maßstab als Erfolgsfaktor erwies.

Rainer Schmid, Senior Director Sales DACH und Eastern Europe von Dematic, nennt in seinem Vortrag noch einen wesentlichen Faktor: das Zwischenmenschliche müsse stimmen, denn „die Berater schlüpfen in die Rolle des ‚Heiratsvermittlers‘, aber der ist irgendwann nicht mehr da. Also müssen auch die Partner direkt ‚gut miteinander können’“, was bei diesem Großprojekt offensichtlich der Fall war.

Busted! SAP-Referent räumt mit Cloud-Mythen auf

Vor der Lagerführung gab es noch einen Gastvortrag eines SAP-Referenten und von Michael Kreutzmeier, Head of SAP Sales von Dematic GSO EMEA, der den Zuhörern noch einige Besonderheiten der SAP-Software-Lösung näherbrachte; denn nicht nur die Lagertechnik ist neu, es wurde auch von SAP WM auf SAP EWM umgestellt. Kreutzmeier betont: „Die Anlage läuft komplett mit SAP EWM und es wird keine Middleware für die direkte Steuerung der Automatik benötigt.“

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