
Wie sehr es auf diese Fähigkeit ankommt, zeigt ein Standort im spanischen Quer eindrucksvoll. Dort betreibt DHL ein Distributionszentrum für Makro in Spanien, eine Tochter der deutschen Metro AG und führender Großhändler für den spanischen Gastronomie- und Hotelleriebereich. Täglich verlassen rund 2.700 Warenlieferungen den Standort, um 27 der insgesamt 37 landesweiten Abholmärkte zu versorgen. Die nutzbare Lagerfläche beträgt dabei lediglich 1.685m², auf denen parallel mehr als 250 Palettenplätze bedient werden.
Wenn das Wachstum an bauliche Grenzen stößt
Die eigentliche Herausforderung ergibt sich weniger aus der Menge der Aufträge als aus der hohen Individualisierung jeder einzelnen Liefertour. Jede Route bildet einen filialspezifischen Bedarf ab, der präzise nach Bestimmungsort und Artikeltyp zusammengeführt werden muss, bevor die Ware den Standort verlässt. Hinzu kommen wiederkehrende Nachfragespitzen, die sich über das Jahr verteilt auf rund sieben Monate summieren und mit rein manuellen Abläufen kaum noch wirtschaftlich bewältigt werden konnten. Denn wo Niederhubwagen und Beschäftigte dieselben engen Gänge teilten, wuchs nicht nur das Sicherheitsrisiko, am Ende litt auch der Durchsatz. Eine bauliche Erweiterung schied aus, weil der laufende Betrieb angesichts der ganzjährig hohen Lieferfrequenz zu keinem Zeitpunkt unterbrochen werden durfte.
Warum starre Anlagen der Geschäftsrealität oft nicht mehr entsprechen können
Fest installierte Automatisierung ist auf einen bestehenden Betriebszustand hin optimiert. Sie liefert verlässliche Ergebnisse, solange Volumina, Abläufe und Personalsituation sich so verhalten wie vorhergesagt. Genau diese Stabilität gibt es im modernen Fulfillment jedoch immer seltener. Eine große, fest verbaute Anlage bindet erhebliches Kapital Eine große, fest verbaute Anlage bindet erhebliches Kapital und konserviert über Jahre den Betriebszustand, für den sie ausgelegt und konzipiert wurde. Verändern sich die Rahmenbedingungen schneller als geplant, wird aus der vermeintlichen Stärke jedoch eine Belastung. In volatilen Umgebungen wird Starrheit zunehmend zum Risiko, während sich Anpassungsfähigkeit als eigentliche Stärke erweist.
Der Weg, für den sich DHL entschieden hat, folgt deshalb einer anderen Logik. Statt baulicher Eingriffe organisiert eine softwaregestützte Lösung von Locus Robotics die vorhandenen Prozesse neu und passt sich flexibel an wechselnde Auftragsvolumina an. Im Regelbetrieb sind 95 autonome mobile Roboter (AMR) vom Typ Locus Origin im Einsatz, in der Spitzenphase lässt sich die Flotte bedarfsgerecht auf bis zu 123 Einheiten erweitern.
Die Intelligenz liegt in der Plattform, nicht im einzelnen Roboter
Der entscheidende Hebel ist dabei nicht die Hardware, sondern die Orchestrierung durch die Plattform Locus ONE. Ihr konzeptionelles Herzstück ist im Fall von Quer die sogenannte Multi-Dropoff-Funktionalität. Anstatt die Ware nachgelagert von Hand zu sortieren, bündelt das System die Aufträge der einzelnen Filialen bereits während der Kommissionierung und führt sie direkt den jeweiligen Palettenstandorten zu. Ein Arbeitsschritt, der zuvor manuell und mit erheblichem Personalaufwand bewältigt werden musste, entfällt damit vollständig. Die Routenplanung und die Koordination der gesamten AMR-Flotte werden ebenfalls von der Plattform übernommen. Ihre KI-gestützte Navigationslogik sorgt dafür, dass die Roboter dynamisch auf Beschäftigte, Flurförderzeuge und andere Hindernisse reagieren und sich konfliktfrei durch ein stark frequentiertes Umfeld bewegen. Die Anbindung an das bestehende Warehouse Management System gelang dabei reibungslos und ohne Unterbrechung des laufenden Betriebs.
Skalierbare Kapazität statt fester Bindung
Genauso wichtig wie die technische Orchestrierung ist das Betriebsmodell dahinter. Über das Prinzip Robots-as-a-Service buchte DHL zusätzliche Kapazitäten hinzu, ohne sich langfristig zu binden. Auf diese Weise konnte der Standort ohne nennenswerte Investitionen in eigene Infrastruktur unmittelbar produktiv arbeiten und gleichzeitig die für die siebenmonatige Hochsaison nötige Skalierbarkeit vorhalten. Robots-as-a-Service ist damit weit mehr als ein Finanzierungsinstrument. Das Modell richtet die verfügbare Automatisierungskapazität konsequent an der tatsächlichen Geschäftsentwicklung aus und löst sie von festen Infrastrukturverpflichtungen.
Mehr Leistung auf gleicher Fläche
Welche Wirkung dieser Ansatz entfaltet, ließ sich in Quer schnell an belastbaren Kennzahlen ablesen. Innerhalb weniger Wochen nach dem Produktivstart steigerte der Standort seinen Durchsatz von rund 50 auf etwa 110 bearbeitete Positionen pro Stunde und arbeitete damit doppelt so produktiv wie zuvor. Dieser Sprung gelang ohne jede Erweiterung der Lagerfläche und ohne sicherheitsrelevante Vorfälle. Da die Multi-Dropoff-Logik einen kompletten Verarbeitungsschritt überflüssig machte, vereinfachte sich zugleich der Gesamtablauf, und die Fehlerquote in der Konsolidierung ging spürbar zurück.
„Die Flexibilität und Skalierbarkeit der Locus-Lösung haben einen wesentlichen Einfluss auf unsere Abläufe“, betont Sergio Ramiro, Site Manager bei DHL in Quer. „Sie hat unsere Kommissionierungsprozesse gestrafft, die Vorbereitung vereinfacht und unserem Team ermöglicht, noch präziser und effizienter zu arbeiten.“
Ausweitung im Netzwerk
Nach dem erfolgreichen Start in Quer plant Makro Spanien bereits, das Modell auf weitere Standorte auszudehnen. Für die Logistikdienstleister, die unter ähnlichem Druck operieren, liefert das Beispiel ein überzeugendes Argument gegen den verbreiteten Reflex, bei steigenden Volumina zuerst auf bauliche Erweiterung zu setzen. Maßgeblich ist vielmehr die Fähigkeit, die Abläufe flexibel zu steuern und die Automatisierungskapazität an die Auftragslage anzupassen, statt den Standort dauerhaft auf den Spitzenbedarf hin auszulegen. Denn nicht selten steckt in einem bestehenden Lager mehr Kapazität als seine reine Quadratmeterzahl vermuten lässt.
Damit wandelt sich auch das Verständnis von Automatisierung selbst. Sie ist nicht länger eine einmalige Investition, die einen bestimmten Zielzustand vorgibt, sondern bildet eine flexible Infrastruktur, die sich mit dem Geschäft weiterentwickelt. Für Betreiber unter anhaltendem Schwankungsdruck liegt darin der eigentliche Gewinn. Sie bleiben vollständig handlungsfähig, wenn sich die Bedingungen ändern – ohne dafür auf kostspielige Um- oder Ausbaumaßnahmen angewiesen zu sein.
















