Herr Hackenberg, wenn Sie den Wandel in der Intralogistik- und Fabrikautomatisierung beschreiben: Was ist heute grundlegend anders als noch vor wenigen Jahren?

Wolfgang Hackenberg: Heute geht der Trend klar weg von proprietären, herstellergebundenen Blackbox-Lösungen, die sich nur schwer integrieren und begrenzt weiterentwickeln lassen. Stattdessen setzen Unternehmen zunehmend auf softwaregetriebene Ansätze mit offenen Schnittstellen, die größere Flexibilität beim Einsatz von Automationslösungen bieten. Gleichzeitig rückt die Intralogistik als zentraler ‚Hub‘ stärker in den Fokus. Entlang der Supply Chain wird seit Jahren stark in Transportoptimierung investiert, doch die internen Werk- und Warehouse-Flüsse sind vielerorts noch von Insellösungen und wenig Transparenz geprägt. Hier liegt enormes ungenutztes Potenzial.
Reichen bisherigen Steuerungsansätze dafür aus?
In kleinen, homogenen Setups oft ja. Sobald jedoch Flotten wachsen, mehrere Hersteller zusammenkommen und sich Fahrzeuge Verkehrsflächen, Engpässe oder Ladepunkte teilen müssen, stoßen klassische, hardwaregebundene Steuerungen an ihre Grenzen. Eine übergreifende Koordination der Ressourcen lässt sich mit ihnen nur begrenzt abbilden. Und spätestens wenn Unternehmen standortübergreifend skalieren, wird es richtig kritisch. Dann brauchen sie eine übergeordnete Steuerung, die sich als Blueprint auf neue Standorte übertragen lässt. Wer ambitionierte Wachstumsziele hat und mit klaren Deadlines arbeitet, kann sich den klassischen Weg, bei dem jedes Werk als individuelles, langwieriges Integrationsprojekt behandelt wird, schlicht nicht mehr leisten.
Was ist nötig, um die Intralogistik in komplexen Umgebungen zuverlässig zu steuern?
Es braucht eine herstellerunabhängige Orchestrierungsebene, die alle relevanten Ressourcen und Daten in einem System zusammenführt und auf dieser Basis Aufträge, Prioritäten und Verkehrsflüsse übergreifend koordiniert. Entscheidend ist dabei eine klare Trennung. Lokale Aufgaben wie das unmittelbare Reagieren im Nahbereich bleiben beim Fahrzeug. Die Systemlogik, also wer was als Nächstes macht, wie Engpässe gemanagt werden und wie sich der Gesamtfluss stabil hält, wird dagegen zentral gesteuert. Genau das ist der Ansatz, den wir mit Synaos verfolgen: eine herstellerunabhängige Softwareplattform, die alle Transportressourcen in einem System zusammenführt und orchestriert, von mobilen Robotern über Gabelstapler bis hin zu manuell geführten Fahrzeugen.
Was passiert in so einer Plattform im laufenden Betrieb?
Im Kern bedeutet es: Die Plattform nimmt kontinuierlich Informationen aus dem realen Betrieb auf, also vom Shopfloor, von Fahrzeugen und aus den angebundenen Systemen. Auf dieser Grundlage trifft sie Entscheidungen darüber, welche Ressource welchen Auftrag als Nächstes übernimmt. Genau dieses Zusammenspiel aus Software und realer Welt ist das, was man heute häufig unter ‚Physical AI‘ fasst. Der Anspruch ist, in einem dynamischen Umfeld mit sehr vielen möglichen Kombinationen immer wieder die bestmögliche, global sinnvolle Zuordnung von Aufgaben, Ressourcen und Prioritäten zu finden – und das in kurzen Zyklen, sobald sich Rahmenbedingungen ändern. Das Ergebnis ist kein ‚wildes Umrouten‘, sondern ein intelligentes Dispatching.
Wie flexibel ist das System, wenn sich im Betrieb etwas ändert?
Sehr flexibel. Wenn sich das Layout ändert, neue Fahrzeuge hinzukommen oder Prozesse angepasst werden müssen, können wir diese Änderungen in der Plattform abbilden, ohne den laufenden Betrieb zu unterbrechen. Dafür bieten wir eine virtuelle Inbetriebnahme: Änderungen werden zunächst simuliert, bewertet und optimiert, bevor sie ins Live-System übernommen werden. Und wenn etwas nicht wie erwartet funktioniert, lässt sich die vorherige Konfiguration jederzeit wiederherstellen.
Was passiert, wenn im laufenden Betrieb etwas schiefläuft, z.B. eine Blockade oder ein plötzlicher Auftragspeak?
Dann greift die übergeordnete Orchestrierung durch Neupositionierung und Umplanung auf Systemebene. Das System reagiert auf die veränderte Lage und führt den Materialfluss über verfügbare Ressourcen und Prioritäten stabil weiter. Entscheidend ist dabei das Systemverhalten. Optimierung heißt nicht, dass der Verkehr chaotisch wird oder Fahrzeuge ‚wild‘ reagieren. Gerade in hoch getakteten Umgebungen zählt Predictability, also Transparenz, Nachvollziehbarkeit und ein ruhiger Betrieb, auch wenn sich Parameter ändern.
Wer profitiert besonders stark von diesem Ansatz?
Grundsätzlich jedes Unternehmen mit hohem internem Transportvolumen und dem Wunsch, seine Intralogistik skalierbar aufzustellen – vom Mittelständler mit zehn bis zwanzig Fahrzeugen bis hin zu internationalen Konzernen mit mehreren hundert Robotern. Unser Ansatz ist besonders relevant für Unternehmen, die bereits mobile Roboter einsetzen oder kurz vor der Einführung stehen sowie für Betriebe mit Mischflotten aus automatisierten und manuellen Transportmitteln. Unternehmen wie Volkswagen, ZF Group und Schaeffler setzen unsere Plattform bereits in ihren Werken ein.
Wie verändert Standardisierung die Branche insgesamt?
Standards wie die VDA 5050 sind für uns ein zentraler Enabler und für die Branche insgesamt ein Hebel zur Professionalisierung. Unternehmen werden bei der Hardwareauswahl flexibler und können Flotten bedarfsgerecht skalieren. Für Synaos ist das Thema ein zentraler Bestandteil unserer DNA. Wir haben den Standard aktiv mitgestaltet und sind seitdem sehr erfolgreich bei der Verbreitung der VDA 5050. Wir orchestrieren die größte VDA-5050-Flotte der Welt mit über tausend Fahrzeugen bis Ende des Jahres.
Wo steht die Intralogistik in fünf Jahren und welche Rolle wird Software dabei spielen?
Die Intralogistik wird sich in den nächsten Jahren deutlich stärker in Richtung software-definierter Systeme entwickeln. Der entscheidende Wettbewerbsvorteil in der Fähigkeit, heterogene Ressourcen flexibel, effizient und standortübergreifend zu orchestrieren. Unternehmen, die heute auf offene Standards und herstellerunabhängige Plattformen setzen, werden morgen deutlich schneller skalieren können als diejenigen, die sich an proprietäre Systeme gebunden haben.
















