Digitalisierung als Mittel zum Zweck

Jan Stoces ist Chief Growth Officer bei 
Aimtec und verantwortet das Unternehmenswachstum im deutschen Markt.
Jan Stoces ist Chief Growth Officer bei Aimtec und verantwortet das Unternehmenswachstum im deutschen Markt.Bild: Aimtec

– Wie weit spielen Probleme in Lieferketten in diese Gemengelage hinein?

Nils Finger: Lieferkettenprobleme sind ein entscheidender Faktor der aktuellen Krise. Bereits auf der Beschaffungsseite gibt es Herausforderungen wie Halbleiterengpässe. Der Engpass verstärkt sich mit der Ausbreitung der Elektromobilität, da Elektrofahrzeuge mehr Chips benötigen als herkömmliche Verbrenner. Dazu kommen steigende Rohstoffpreise, insbesondere für Batteriematerialien wie Lithium, Kobalt und Nickel, deren Preise explodieren.

Auch geopolitische Spannungen wirken sich negativ aus wie die zollorientierte Wirtschaftspolitik der USA unter Trump oder das Damoklesschwert Taiwan. Hinzu kommen Anforderungen im Bereich Nachhaltigkeit, die langfristig Transparenz schaffen, kurzfristig jedoch enorme Kosten verursachen.

Jan Stoces: Ein großes Problem ist auch die fehlende Planungssicherheit. Zulieferer erhalten Abrufe von OEMs, die wenig Verlässlichkeit bieten. Die Last der Planung liegt somit bei den Lieferanten. Die Unsicherheit ist enorm. Das wirkt sich negativ auf Investitionen und Produktionskapazitäten aus.

Professor Dr. Nils Finger lehrt Supply 
Chain Management an der CBS International Business School in Köln.
Professor Dr. Nils Finger lehrt Supply Chain Management an der CBS International Business School in Köln.Bild: Aimtec

– Rutschen Digitalisierungsprojekte in der Logistik der Zulieferer angesichts dieser Probleme in der Prioritätenliste nach hinten?

Jan Stoces: Digitalisierungsprojekte werden selten komplett gestrichen, aber wir sehen, dass viele entweder verschoben oder in kleinere Einheiten unterteilt werden, um Kosten und Risiken zu minimieren. Unternehmen setzen stärker auf Projekte mit kurzen Umsetzungszeiten und einem klar definierten ROI.

Viele Unternehmen kämpfen derzeit mit steigenden Energie- und Materialkosten, was die Planbarkeit erschwert. Gleichzeitig stehen sie unter Druck, die SAP-Transformation zu S/4HANA umzusetzen. Das bindet Ressourcen und erschwert es, neue Digitalisierungsprojekte zu starten.

Nils Finger: Digitalisierung ist ein langfristiger Erfolgsfaktor. Digitalisierte Prozesse steigern Effizienz, senken Kosten und verbessern die Nachhaltigkeit. Unternehmen, die jetzt in Digitalisierung investieren, sind langfristig besser aufgestellt.

– Sind in Anbetracht der Lage digitalisierte Prozesse und ein hoher Automatisierungsgrad in Logistik und Produktion ein wichtiger Baustein für die Zukunftsfähigkeit von Zulieferern oder eher ein Tropfen auf den heißen Stein?

Nils Finger: Hier muss man unterscheiden. Betrachtet man ein kleines, isoliertes Projekt, dann ist das neben einem großen Thema wie SAP eher ein Tropfen auf den heißen Stein. Handelt es sich hingegen um einen Teil einer strategischen Neuausrichtung mit einer zugrundeliegenden Strategie, die aktuelle Herausforderungen oder zukünftige Trends adressiert, dann liegt darin meines Erachtens eine große Chance. Digitalisierung ist kein Allheilmittel, aber ein wichtiger Hebel, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Automatisierte Prozesse reduzieren Fehler, Betriebskosten und manuelle Tätigkeiten. OEMs fordern zunehmend nachhaltige und digitale Lösungen von ihren Zulieferern. Eine transparente, soziale und ökologische Lieferkette zu etablieren, ist zunächst teuer und braucht Zeit, zahlt sich aber in Zukunft aus.

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