Mehr als eine Absturzsicherung

Newsletter 09 dhf 03 2026
Bild: Zarges GmbH

Routinearbeiten an industriellen Anlagen können schnell zu Hochrisikoeinsätzen werden, wenn sie in schwer zugänglichen Umgebungen in der Tiefe stattfinden. Denn die Gefahren sind oft vielschichtiger als bei Arbeiten in der Höhe. Bereits der erste Einstieg durch eine enge Öffnung im Boden kann eine logistische Herausforderung darstellen, wenn der Platz maximal für eine Person ausreicht. Das Risiko liegt in der Kombination aus begrenzten Fluchtwegen und der Möglichkeit plötzlich auftretender Faktoren wie Gasaustritten oder Sauerstoffmangel, die eine sofortige Selbstevakuierung erfordern.

Aufgaben wie die Wartung von Silos oder Kanalsystemen werden oft unterschätzt. Dabei können eine schlechte Schutzausrüstung und improvisierte Rettungsversuche fatale Folgen haben. Im Falle eines Unfalls ist der Zugang zur Person oft erschwert – sofern sie überhaupt ansprechbar ist. Angesichts dieser Tatsachen und weil jede Sekunde zählt, müssen Unternehmen ihre Sicherheitsstandards und Rettungsabläufe kontinuierlich auf den Prüfstand stellen und verbessern.

Das komplexe Gefahrenszenario in der Tiefe

Im Gegensatz zur Arbeit in der Höhe, wo der Bewegungsradius meist größer ist und vor allem der Sturz im Vordergrund steht, sind Einsätze in Schächten mit einer Vielzahl potenzieller Gefährdungen verbunden. Dazu zählen etwa atmosphärische Belastungen wie Sauerstoffverdrängung durch andere Gase oder das plötzliche Auftreten toxischer Dämpfe. Kommt es zu einem Sturz, besteht zudem das Risiko, von herabfallenden Materialien getroffen oder sogar eingeklemmt zu werden. Hinzu kommen teils extreme Temperaturen und psychische Faktoren wie Orientierungsverlust oder Panikreaktionen aufgrund klaustrophobischer Bedingungen. Diese erschwerenden Umstände verlangen nach einem durchdachten Rettungskonzept inklusive verlässlicher persönlicher Schutzausrüstung (PSA). Dabei sollten Unternehmen sicherstellen, dass die Ausrüstung nicht nur von spezialisierten Rettungsprofis bedient werden kann. Denn im Notfall sind es oft die Kollegen, die in der Nähe sind und zuerst aktiv werden müssen.

ABCD-Check der Absturzsicherung

Ein modernes Sicherheitskonzept berücksichtigt neben der reinen Absturzsicherung auch die Rettung aus beengten Räumen, um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein:

A – Anschlagpunkt: Die sichere Basis für jeden Einsatz bildet ein mobiler Anschlagpunkt, meist in Form einer Dreibein-Konstruktion aus leichten Werkstoffen wie Aluminium, was Transport und Aufbau erleichtert. Ein Anschlagpunkt der Klasse B nach DIN EN 795 kann schnell und ohne Werkzeug über einer Schachtöffnung angebracht werden, gewährleistet eine sichere Verankerung und lässt sich anschließend rückstandslos entfernen sowie erneut verwenden. Dabei gilt es zu beachten, dass diese Verankerung nicht nur das Gewicht einer Person tragen, sondern auch die dynamischen Lasten eines Sturzereignisses sicher abfangen muss. Die Montage sollte schnell und ohne Spezialwerkzeug über der Einstiegsöffnung möglich sein, damit das Gerät flexibel verwendet werden kann.

B – Auffanggurt: Der Auffanggurt erfüllt eine Doppelfunktion: Er fängt im Falle eines Sturzes die Person sicher auf und ermöglicht gleichzeitig eine effektive Rettungsposition. Moderne Gurtsysteme sind daher so konstruiert, dass sich Anwender mit wenigen Handgriffen selbst in eine aufrechte, ergonomische Sitzposition bringen können. Dies beugt einem lebensbedrohlichen Hängetrauma vor, das bereits nach kurzer Zeit eintreten kann und erleichtert zudem die Bergung.

C – Verbindungsmittel: Als Bindeglied zwischen Anschlagpunkt und Gurt kommt idealerweise ein Höhensicherungsgerät nach EN 360 zum Einsatz. Bei einem Sturz arretiert das Gerät sofort und fängt die auftretenden Kräfte zuverlässig ab.

D – Rettungsfunktion: Für Arbeiten in der Tiefe empfiehlt sich der Einsatz von Verbindungsmitteln (C), die zusätzlich nach EN 1496-B zertifiziert sind und über eine integrierte Hubmechanik verfügen. So wird aus einfacher Absturzprävention ein ganzheitliches Sicherheitssystem mit integrierter Rettungsfunktion. Über einen einfachen, mechanischen Antrieb lässt sich eine verunfallte Person kontrolliert und sicher von unten nach oben befördern – ganz ohne Einsatz von Muskelkraft. Moderne Systeme sind häufig für höhere Lasten als normativ gefordert zertifiziert. Das schafft zusätzliche Reserven und kann je nach Zulassung und Herstellerangaben auch das Anheben von Personen inklusive Werkzeug ermöglichen.

Ob ein Rettungskonzept verlässlich ist, hängt maßgeblich von der Kompatibilität der einzelnen Komponenten ab. Stammen diese von unterschiedlichen Herstellern, birgt dies das Risiko für Funktionsstörungen. Ein als geschlossene Einheit konzipiertes und zertifiziertes Komplettsystem schafft hier Abhilfe.

Fazit: Arbeitssicherheit zur Priorität machen

Investieren Unternehmen in ein hochwertiges, integriertes Rettungssystem, schafft dies die Grundlage für sicheres Arbeiten in engen Räumen. Regelmäßige, praxisnahe Unterweisungen und Übungen bleiben dabei unerlässlich, um die korrekten Handgriffe zu schulen und Mitarbeiter mental auf den Ernstfall vorzubereiten. Mitarbeitersicherheit muss oberste Priorität haben. Mit der richtigen Ausrüstung und den passenden Handgriffen kann im Ernstfall ein Leben gerettet werden.