Fördertechnik für die Fassabfüllung

Dezentrale Antriebe Movigear performance von SEW-Eurodrive ermöglichen für den energieeffizienten Betrieb der Edelstahlförderbänder in der Brauerei.
Dezentrale Antriebe Movigear performance von SEW-Eurodrive ermöglichen für den energieeffizienten Betrieb der Edelstahlförderbänder in der Brauerei. Bild: Hofbräu/Lars Wiedemann

„In München steht ein Hofbräuhaus …“ Diese Textzeile setzte 1981dem Hofbräuhaus ein Denkmal, das weit über die Grenzen der Landeshauptstadt strahlt. In bayrischer Mundart gesungen, gelang der Spider Murphy Gang hiermit ein Nummer-eins-Hit, der sich 750.000 Mal verkaufte. Die Geschichte der Traditionsbrauerei reicht jedoch viel weiter zurück. 1589 gab der bayerische Herzog Wilhelm V. den Bau des Hofbräuhauses in Auftrag, das ursprünglich nur zur Versorgung des bayerischen Hofes gedacht war. 1632, während des Dreißigjährigen Krieges, wurde München von schwedischen Truppen belagert. Um die drohende Plünderung der Stadt zu verhindern, zahlte man den Schweden über 23.000l Bier aus dem Hofbräuhaus. 1828 öffnete König Ludwig I. das Brauhaus für die Bevölkerung. Er bewilligte öffentlichen Ausschank und Bewirtung. Somit ist es die Geburtsstunde des Hofbräuhauses als Münchner Wirtshaus. Aus Platzgründen wurde die Brauerei später an den Wiener Platz, nach Haidhausen verlegt, in den heutigen Hofbräukeller. Seit 1988 hat sie ihren Standort in München-Riem, neben dem Umschlagbahnhof und unweit des Messegeländes.

Die Fassabfüllung

Mit dem Neubau der Brauerei 1988 am Standort Riem entstand auch eine Abfüllanlage für Mehrwegfässer, sog. Kegs. Diese Fassabfüllung existierte also schon 35 Jahre. Trotz ständiger Erweiterung und Modernisierung kam es letztlich zu Kapazitätsengpässen. Auch die Verfügbarkeit von Ersatzteilen wurde schwieriger. „Die Nutzungsdauer der alten KEG-Anlage war ausgeschöpft“, kommentiert Silvio Di Tano, Leiter des Elektro-Teams von Hofbräu München. Hinzu kam, dass andere Fassformate, z.B. Einwegfässer für den Export, mit der bisherigen Anlage nur bedingt abgefüllt werden konnten. Weil Hofbräu München über 50 Prozent seiner Biere in Kegs verkauft, hat das effiziente und wirtschaftliche Abfüllen von Fässern eine besondere Bedeutung für die Brauerei. Hofbräu München liefert sein Bier in verschiedenen Fassgrößen. Die Keg-Fässer für den kommerziellen Verkauf an Gastronomiebetriebe haben ein Fassungsvermögen von 20, 30 oder 50l.

Der Anlagenbauer

Seit über 115 Jahren produziert die Firma Albert Frey aus Wald im Allgäu, 20km östlich von Kempten, Anlagensysteme für Brauereien und die Getränkeindustrie. Sie liefert komplette Prozessanlagen aus einer Hand und hat auch die neue Fassabfüllung für HB geplant, aufgebaut und in Betrieb genommen. Hiermit konnte die Abfüllleistung von 240 auf 400 Fässer pro Stunde erhöht werden. Zudem hat die neue Anlage noch Reserven für die künftige Steigerung der Abfüllkapazität. Auch die Umwelt profitiert: Im Vergleich zur alten Anlage konnte der Wasserbedarf auf etwa ein Drittel gesenkt und der CO2-Fußabdruck annähernd halbiert werden. Insgesamt ist die Fassabfüllung somit deutlich effizienter und umweltfreundlicher.

Hofbräu München wurde nach dem europäischen Umweltmanagementsystem EMAS validiert (Eco-Management and Audit Scheme). Es stellt sicher, dass alle Umweltaspekte von Energieverbrauch bis zu Abfall und Emissionen rechtssicher und transparent umgesetzt werden. HB gehört zu einer Gruppe von 26 EMAS-validierten Brauereien – von insgesamt 647 Brauereien in Bayern.

Der Umbau

Nach gründlicher Planung begannen im Sommer 2023 die Vorbereitungen für die Erneuerung der Keg-Abfüllung. Der Umbau stellte eine logistische Herausforderung dar. Zunächst wurden die Räume für die CIP-Anlage (Cleaning in place, Reinigungsanlage) vorbereitet. Die Demontage der alten Anlage, die Bodensanierung sowie der Einbau der neuen Anlage erfolgten Anfang 2024 innerhalb von ca. sechs Wochen. Der Umbau und die Montagearbeiten erfolgten im Januar und Februar, absatzschwächeren Monaten in der Gastronomie. Um die Belieferung der Kunden in dieser Zeit sicherzustellen, wurde bereits vor dem Umbau Fassbier in ausreichender Menge abgefüllt, damit ein entsprechender Lagerbestand vorhanden war.

Die dezentrale Technik

„Mit dezentraler Technik habe ich bereits gute Erfahrungen gemacht“, berichtet der Elektro-Teamleiter Silvio Di Tano. „Im Drucktankkeller haben wir eine dezentrale Profibus-Anschaltung aus Edelstahl – ganz ohne Schaltschrank. Mit dieser Technik fahren wir seit zwei Jahren störungsfrei. Obwohl es hier ständig feucht ist, denn der Wasserschlauch ist der ständige Begleiter des Brauers.“ Außerdem wurden dezentrale Antriebe der Baureihe Movigear von SEW-Eurodrive bereits 2012 in einer Anlage von Krones zur Flaschenabfüllung bei Hofbräu München verbaut. Aufgrund dieser Erfahrungen interessierte sich Silvio Di Tano auch bei der neuen Keg-Abfüllung für dezentrale Technologie und informierte sich bei verschiedenen Lieferanten.

Die Anforderungen der Brauerei wurden schließlich in einem Elektro-Lastenheft definiert. „Das Besondere an diesem Projekt war, dass erstmals eine Keg-Abfüllanlage komplett mit dezentraler Antriebstechnik von SEW-Eurodrive ausgestattet wurde“, erinnert sich Albert Schenker. Er ist Kundenbetreuer im Drive Technology Center (DTC) von SEW-Eurodrive in Kirchheim bei München. „Zu dem Zeitpunkt, als die Idee entstand, war die innovative Movi-C-Technik noch ganz neu – Movigear Performance in IE5 mit Profinet. Das ist mittlerweile bei uns der Standard.“

Auch der Anlagenbauer Albert Frey war offen für dezentrale Antriebstechnik, was nicht bei allen Anlagenbauern der Fall ist. Schenker erläutert: „Es geht darum, sich zu trauen, die Elektronik ins Feld zu bringen. Dieser OEM ist ein guter Kunde von SEW-Eurodrive. Das war seine erste Anlage mit dezentraler Technik.“

Die Antriebe

Alle neuen Antriebe sollten die Anforderungen der Energieeffizienzklasse IE3 erfüllen. „Mit Movigear Performance liegen wir sogar über dieser aktuellen Vorschrift“, erläutert SEW-Kundenbetreuer Albert Schenker. „Dass wir IE5-Motoren von SEW-Eurodrive gewählt haben, leitet sich aus unserer Umweltstrategie ab“, berichtet der Elektro-Teamleiter Silvio Di Tano. „Dabei liegt unser Fokus auf Effektivität und Energiesparen. Der Querschnitt für die Stromzuleitung ist jetzt deutlich geringer als bei der alten Keg-Anlage.“ Und er nennt noch einen weiteren Vorteil: „Durch kompaktere Bauformen und die dezentrale Ausführung aller Antriebe, d.h. ohne Schaltschränke, können wir jetzt auf der gleichen Grundfläche die doppelte Abfüllleistung erzielen.“ Insgesamt wurden in der neuen Keg-Abfüllung von Hofbräu für Transport- und Hebeeinrichtungen etwa 85, überwiegend dezentrale, Antriebe verbaut. Im Mai 2024 wurde die Anlage fertiggestellt und läuft seitdem zur vollen Zufriedenheit des Betreibers. Für Hofbräu ist auch die regionale Nähe des Drive Technology Centers von SEW-Eurodrive in Kirchheim von Vorteil, das nur wenige Autominuten entfernt liegt.