Für alle Eventualitäten gewappnet

Stefan Zweigler, Gründer und Geschäftsführer von Invisium: "Das Vision Port-System schafft eine Grundlage zur Digitalisierung und sorgt für mehr Transparenz und Kontrolle."
Stefan Zweigler, Gründer und Geschäftsführer von Invisium: „Das Vision Port-System schafft eine Grundlage zur Digitalisierung und sorgt für mehr Transparenz und Kontrolle.“
– Bild: Invisium GmbH

Daten gehören zu einem der wichtigsten Faktoren für eine erfolgreiche Logistik. Mit ihnen lassen sich Warenbestände erfassen und kontrollieren sowie Prozesse optimieren. Und als Grundlage für die Automatisierung von Aufgaben und Anwendungen sind sie mittlerweile unverzichtbar. Klassische Lösungen, um Daten zu erfassen, sind Barcodes sowie RFID-Tags, die an Waren aber auch an Ladungsträgern angebracht und dort gescannt bzw. gelesen werden können.

„Für viele Anwendungsfälle stehen die Systeme trotz ihrer Leistungsfähigkeit vor Herausforderungen, da sie über eine nur unzureichende No-Read-Strategie verfügen. Der Grund: RFID-Labels können gedämpft sein, doppelt gelesen werden oder schlicht abfallen bei Umschlag und Transport, wo es oft hektisch zugeht. Gerade bei Logistik-Anwendungen müssen Unternehmen und Dienstleister auf alle Eventualitäten vorbereitet sein. Mit Lösungen aus der klassischen Bildverarbeitung ist dies nur bedingt möglich. Dafür braucht es neue Ansätze, bei denen künstliche Intelligenz (KI) eine Schlüsselrolle spielt“, weiß Stefan Zweigler, Gründer und Geschäftsführer von Invisium.

Prozesse optimieren durch die Verbindung von klassischer Bildverarbeitung und KI

Das 2020 gegründete Startup hat sich zur Aufgabe gemacht, Logistikprozesse zu optimieren, und zwar durch die ganzheitliche Verknüpfung von modernster Kameratechnik, klassischer Bildverarbeitung und KI. Dazu hat es das multifunktionale Scansystem Vision Port entwickelt, das mit 2D-, 3D- und KI-Technologien ausgestattet ist, und mit dem es Gegenstände auch dann erfassen kann, wenn Codes und Labels verschmutzt sind oder fehlen. Ein Beispiel dafür ist der Einsatz bei der Kontrolle wiederverwendbarer Ladungsträger, wie EPAL-Paletten, Tiefkühlcontainer, EPS-Kisten und Big Boxes. So sieht die Europäische Verpackungsverordnung (PPWR) vor, dass der Einsatz wiederverwendbarer Ladungsträger zukünftig weiter ausgebaut werden soll – zur Realität gehört jedoch, dass der Schwund hoch ist und Unternehmen oftmals schlichtweg der Überblick über die unternehmenseigenen Bestände an Kisten und Paletten fehlt. Soll Transparenz hergestellt werden, werden vielerorts händisch zeitaufwendige und kostspielige Inventuren mit einem hohen Personalaufwand durchgeführt.

Der Vision Port übernimmt diese Aufgabe vollautomatisch. Das mannshohe System in Form eines Türrahmens kann direkt hinter einem Hallentor aufgestellt werden, durch das Fahrer oder Lagermitarbeiter Ladungsträger auf einem Flurförderzeug befördern. Mehrere leistungsfähige Kameras sind seitlich und oben am Vision Port installiert, die in nur wenigen Millisekunden mehrere dutzend Aufnahmen von den Ladungsträgern machen und an einen Rechner übertragen. Codes und Labels sind dafür zwar eine hilfreiche Grundlage, aber der Vision Port kommt auch ohne sie aus, denn mithilfe von KI erfasst er, welche Art von Objekt sich dem Vision Port nähert, um die Aufnahmen nur dann auszulösen, wenn Ladungsträger wie Paletten oder Gitterboxen das System passieren (Personen oder Flurförderzeuge werden nicht erfasst). Mithilfe dieser Daten ist er in der Lage, Ladungsträger zu identifizieren und zu rekonstruieren – und zwar auch dann, wenn die klassische Bildverarbeitung an ihre Grenzen kommt. Selbst Umverpackungen z.B. durch Folie ist für den Vision Port kein Hindernis.

Hohes Maß an Präzision

Eine eigens entwickelte Software führt am Ende des Scanprozesses die Ergebnisse aus KI und klassischer Bildverarbeitung zusammen und sorgt auf diese Weise für ein hohes Maß an Präzision: Während alternative Systeme z.B. in Form eines Handscanners oder Tablets für eine Zuverlässigkeit der Aufnahmen von rund 85 Prozent sorgen, liegt sie beim Vision Port bei über 99,8 Prozent. Ein weiterer Pluspunkt: Das System kompensiert dabei Faktoren wie Einfahrtswinkel und Durchfahrtsgeschwindigkeit des Bedieners und nimmt die Bilder zuverlässig auf. Damit erfordert das System keinerlei manuellen Aufwand und lässt etablierte Prozesse unberührt. Mitarbeitende im Lager können sich somit vollständig auf ihre Kerntätigkeiten konzentrieren.

Einen ersten Anwendungsfall für den Einsatz im Bereich der Handelslogistik konnte sich Invisium Anfang 2025 bei der Netto Marken-Discount Stiftung sichern und implementiert im Frühjahr insgesamt drei Vision Ports in zwei Zentrallagern des Lebensmitteldiscounters. Dort sorgt das System für eine automatische Zählung der Ladungsträger über mehrere Stationen. Dazu gehört die Leergut-Rückgabe der Paletten und Kisten an die Pooling-Provider sowie die Rücknahme von gemischten Paletten aus den Filialen, aber auch bei der Waren-Kommissionierung an die Filialen. In weiteren, bereits geplanten Projektphasen soll die Lösung zusätzliche Use-Cases mit komplexeren Anwendungsprofilen umsetzen, für die Invisium bereits entsprechende Testläufe in einem Netto-Zentrallager durchführt.

Potential für vielfältige Anwendungsfälle

„Den Bedarf an einer Lösung wie dem Vision Port sehen wir angesichts vieler aktueller Herausforderungen wie dem Fachkräftemangel schon lange. Umso wichtiger war es uns, ein System zu entwickeln, das Unternehmen eine effiziente Unterstützung bei der multiplen Erfassung verschiedenster Transportladungen anbietet und bei dessen Verwendung mit so wenig Aufwand wie möglich anfällt. Aber wir sehen auch, dass das Potenzial des Vision Ports noch viel höher ist, denn mit seiner Hilfe werden bei der Durchfahrt von Ladungen erstmalig Daten generiert für Aufgaben und Prozesse, bei denen sich Unternehmen bisher fast blind darauf verlassen mussten, dass alles seine Richtigkeit hat. Dazu zählt beispielsweise, dass Transportpapiere korrekt ausgefüllt wurden oder dass alle Ladungsträger, die das Lager verlassen, auch einmal wieder dorthin zurückfinden werden. Damit schafft das System eine Grundlage zur Digitalisierung und sorgt für mehr Transparenz und Kontrolle“, sagt Stefan Zweigler.