Alexander Glasmacher, Elokon
Mit Assistenzsystemen auf der Überholspur

Assistenzsysteme übernehmen heute wichtige Sicherheitsaufgaben in der Intralogistik. Vorbild für diese elektronischen „Schutzengel“ ist die Automobilbranche. dhf Intralogistik sprach mit Alexander Glasmacher, Geschäftsführer von Elokon, mit über 30 Jahren Erfahrung bei Sicherheits- und Assistenzsystemen sowie künftigen Innovationen.

 

Was genau sind Assistenzsysteme?


Alexander Glasmacher: Das Prinzip der Assistenzsysteme ist bei Flurförderzeugen und Autos das Gleiche: Sie warnen den Fahrer optisch, akustisch oder haptisch und dies vor oder während kritischer Fahrsituationen. Zudem können sie teilautonom oder autonom in Antrieb, Steuerung oder Signalisierungseinrichtungen eingreifen. Bei allen Assistenzsystemen in der Intralogistik muss einem wesentlichen Aspekt sehr hohe Aufmerksamkeit gewidmet werden: der Mensch-Maschinen-Schnittstelle. Es gilt immer, Ablenkungen zu minimieren, da diese dann nicht mehr die Sicherheit fördern, sondern reduzieren.

 

Wie wird dies realisiert?


Ein Assistenzsystem sollte einfacher zu bedienen sein als ein Autoradio. Aus der Automobilindustrie lassen sich hier gute Anwendungen ableiten, zum Beispiel berührungsempfindliche Bildschirme, Smartphones, die auf eine bekannte Menüführung und Haptik setzen, reduzierte Bedienelemente oder auch Systeme mit intuitiv verständlichen (visuellen, akustischen oder haptischen) Rückmeldungen.

 

Welche Arten von Assistenzsystemen unterscheiden Sie?


Erstens gibt es festeingebaute Umgebungs-Warnsysteme, die den Fahrer insbesondere an unübersichtlichen Stellen wie Kreuzungen mit hohem innerbetrieblichen Verkehrsaufkommen unterstützen. Zweitens können Assistenzsysteme bei Übergängen zwischen Innen- und Außenbereichen von Logistikzentren und Produktionshallen aktiv die Sicherheit der Arbeitsabläufe erhöhen. Während auf Außenanlagen in der Regel schneller gefahren wird, muss im Innenbereich das Tempo reduziert werden. Radarbasierte Systeme drosseln die Geschwindigkeit beim Übergang automatisch und geben diese im Gegenzug wieder frei. Drittens erhöhen innovative „Flottenmanagementsysteme“, die heute auch von herstellerunabhängigen Anbietern besonders für den Einsatz auf Mischflotten implementiert werden, die Sicherheit und Produktivität von Staplerflotten maßgeblich.

 

Welche Technologien kommen dabei heute bereits zum Einsatz?


Für das nahe Umfeld des Fahrzeugs wird Ultraschall eingesetzt, für weite Entfernungen und Geschwindigkeitsmessungen Radar und Lidar. Letztere nutzt dabei statt der Radiowellen beim Radar Laserstrahlen. Produkte, die für die prädiktive Kollisionsvermeidung installiert werden, setzen in der Regel auf eine sogenannte Ultra Wideband-Funkfrequenz. Auch Kameras, sowohl in 2D als auch in 3D, werden vorzugsweise zur Erkennung von Personen, Markierungen, Verkehrszeichen und Fahrzeugen eingesetzt. Immer wichtiger in der Entwicklung von Assistenzsystemen wird das Thema Fahrzeugortung, die zur Steigerung der Fahrzeug- und Betriebssicherheit beiträgt. Zur Ortung in Innenbereichen gibt es derzeit unterschiedliche technische Entwicklungsansätze: Elokon sieht insbesondere bei Produkten, die auf Mesh-Netzwerken basieren, ein sehr hohes Nutzenpotential und wird 2018 sein erstes Mesh-basiertes Assistenzsystem auf den Markt bringen.

 

Gibt es weitere technische Entwicklungen, die in Kürze auf den Markt kommen werden?


Aktuelle Praxis ist es, dass ein im Fahrzeug installierter Sensor, oder auch mehrere Sensoren, ein Hindernis in der Umgebung des Fahrzeuges erkennt. Idealerweise liefern Umfeldsensoren hier den Ort, die Abmessung und die Geschwindigkeit des Hindernisses. Es erfolgt dabei eine „autonome Fremdortung“, das heißt vom Fahrzeug werden Hindernisse ohne deren Hilfe erkannt. Immer häufiger kommen in der Automobilindustrie vermehrt auch kooperative Systeme zum Einsatz, oft mit den Kürzeln Car-2-X (X = Infrastruktur) oder Car-2-Car versehen, um unfallpräventive Anwendungen zu realisieren. Hierbei kommunizieren Fahrzeuge in Echtzeit direkt miteinander oder mit der unmittelbaren Umfeldinfrastruktur. Dank der Digitalisierung und auch der Etablierung neuer Funkstandards, wie zum Beispiel „narrowband-IoT“ oder „LoRa“, lassen sich beispielsweise durch Kreuzungs- oder Abbiegeassistenten Fahrzeuge auf Kollisionskurs identifizieren. Auch eine lokale Gefahrenmeldung kann Unfälle verhindern und im Straßenverkehr Staugefahren durch Echtzeitmeldungen der optimalen Fahrzeuggeschwindigkeit im Fahrzeug reduzieren.

 

Welche Bedeutung werden kooperative System in der Intralogistik erlangen?


Erste Produktanwendungen gibt es bereits auch in der Intralogistik, etwa bei der prädiktiven Unfallwarnung zwischen zwei Flurförderzeugen, die auf Kollisionskurs steuern, oder bei der Staplernavigation mittels RFID. Einen besonders hohen Nutzen für FFZ-Flottenbetreiber bieten die Systeme, die auf kooperative Fremdortung basieren.

 

Sehen wir etwas weiter in die Zukunft: Was erwartet uns?


In der Automobilbranche gibt es derzeit neben den drei Trends Elektroautos, Digitalisierung und Car Sharing einen Megatrend: autonomes Fahren, quasi die Vollendung aller denkbaren Assistenzsysteme auf Hochleistungsniveau. Aktuell wird dabei unter anderem an dynamischen Umgebungsmodellen, die eine 360 Grad-Erfassung ermöglichen, an einer Intentionserkennung von Fußgängern, Radfahrern und Motorrädern, am automatischen Ausweichen, an der vollständigen Spurführung in allen Geschwindigkeitsbereichen und an Engstellenassistenten, die ein Fahren an Baustellen und anderen Straßenverengungen ermöglichen, entwickelt. Das Zukunftsmodell „Autonomes Fahren“ wird also im Wesentlichen von zwei Faktoren abhängen: zum einen der Qualität der Einzelkomponenten und zum anderen dem richtigen Zusammenspiel in der Kombination der Einzelprodukte.

 

Und in der Intralogistik?


In der Intralogistik schiebt sich vorab noch ein weiterer Megatrend: Mit dem Einzug von Cobots, also kollaborativen Robotern, die mit Menschen gemeinsam arbeiten und nicht durch Schutzeinrichtungen von diesen getrennt sind, werden die Anforderungen an Assistenzsysteme weiter steigen. Denn hier gilt es, nicht nur Fahrzeuge zu schützen, sondern auch Roboter und Menschen in der Zusammenarbeit abzusichern, damit beide bei maximaler Sicherheit und Produktivität ihrer Arbeit nachgehen können. Wenn Roboterarme auf fahrerlosen Kommissionier- oder Transportfahrzeugen eingesetzt werden, um beispielsweise Waren aus den Regalen zu nehmen, müssen Assistenzsysteme noch feiner justiert werden, größere Reichweiten absichern oder auch zu Sicherheitssystemen weiterentwickelt werden, um den zeitgleichen Einsatz mit Personen in Risikobereichen zu ermöglichen beziehungsweise um höhere Kommissioniergeschwindigkeiten zu erlauben.

www.elokon.com

LogiMAT 2018 Halle 10, G21

 

Beitrag aus dhf 12.2017

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