Foto: Demag
Flexible Kommissionierung für die Staplerproduktion

Bei der Planung des neuen Logistikzentrums in Hamburg-Billbrook konnten die Intralogistik-Experten von Still ihre ganze Kompetenz demonstrieren. Ergebnis ist ein preisgekröntes Großprojekt und ein außerordentlich flexibles Konzept für die Handhabung und Kommissionierung der Großteile, die zum Bau von Premiumstaplern benötigt werden. Die Arbeitsplätze sind mit dem Leichtkransystem Demag KBK ausgestattet.


Orange und Silber sind die Hausfarben von Still, und die Flurförderzeuge in dieser Farbgebung gehören in jeder Kategorie zum Premiumsegment – vom handgeführten Deichselgerät bis zum Elektro- oder Dieselstapler mit 8 t Tragkraft. Darüber hinaus hat sich Still in den vergangenen Jahren die Position als ein führender Anbieter von intelligenten Intralogistik-Lösungen erarbeitet. Zum Angebot gehören neben Fluförderzeugen auch Softwarelösungen, zum Beispiel für das Flottenmanagement, komplette Lagersysteme einschließlich Automatisierung sowie die dazu gehörigen Services.
Wenn dieser Spezialist der Intralogistik ein neues Logistikzentrum für den Eigenbedarf plant und in Betrieb nimmt, ist zuverlässig davon auszugehen, dass eine „Best practice“-Lösung entsteht. Schließlich gehört eine solche Aufgabe zur Kernkompetenz von Still.

 

Logistikzentrum mit Doppelfunktion


Was kann der Logistiker also von Still lernen? Zunächst: Die Entwicklung (und das Besitzen) der Immobilie ist gut Partnern zu überlassen, die genau in diesem Bereich ihre Kernkompetenz haben. Das ist in diesem Fall die Hamburger ECE, die rund 30 Mio. Euro investiert hat und zwei Hallen mit einer Gesamtfläche von 27000 m2 errichten ließ. Dabei war, nächster Lerneffekt, die Nähe zum Produktionswerk ein wichtiger Standortfaktor, ebenso die Bündelung der zuvor dezentral angesiedelten Aufgabenbereiche Großteilelager und Fahrzeugversand. Somit durchläuft nahezu jedes große Zukaufteil, das in den Staplern verbaut wird, gleich zweimal das Logistikzentrum: vor der Produktion als Komponente und nach der Produktion als fertiger Stapler.

 

Pick-by-Voice-Kommissionierung von Großteilen


Im Kommissionierbereich des neuen Logistikzentrums werden Großteile, die das Hamburger Werk für den Bau der Premiumstapler benötigt, in Still-eigene Gebinde umgepackt und „Just in sequence“ kommissioniert. Das gilt zum Beispiel für Sitze, Kühler und Reifen. Bei den Rahmen- und Karosserieteilen ist das Kommissionieren komplexer. „Hier stellen die Mitarbeiter alle Stahl- und Blechkomponenten, aus denen das Flurförderzeug gebaut wird, zu einem Paket zusammen“, so Timo Koppe, Logistikplaner bei Still. Sämtliche Teile befinden sich dann in einem Sonderbehälter und werden in der Produktion Stück für Stück verbaut.“ Die für die Kommissionierung nötigen Informationen erhält das Personal per „Pick-by-Voice“. Ein Shuttle-Lkw bringt dann alle Bauteile, die für die Produktion eines Staplers gebraucht werden, ins wenige hundert Meter entfernte Werk.

 

Zentrale Anforderung: Die Flexibilität


Die Logistik-Experten von Still haben sich intensiv mit der ergonomischen Gestaltung der Kommissionierarbeitsplätze befasst – und sich für das Leichtkransystem Demag KBK entschieden. Dieses System wurde vor 55 Jahren erstmals vorgestellt und seitdem kontinuierlich weiterentwickelt. Das Grundprinzip aber ist bis heute dasselbe: An einem Trägersystem verfahren Leichtlaufkrane, die der Bediener mit geringem Kraftaufwand und entsprechend geringer körperlicher Belastung führen kann.
Dem Anwender steht heute ein sehr umfangreiches modulares KBK-Programm zur Verfügung, das sich an nahezu jede Aufgabe in Montage-, Kommissionier- und Versandbereichen anpassen lässt. Dabei ist zunächst die Grundsatzentscheidung zwischen Schienen und Brücken aus Stahl oder Aluminiumschienen zu treffen, wobei es schon bei dieser einfachen Frage viele Antwortmöglichkeiten gibt, wie das Beispiel des Still-Logistikzentrums zeigt. Hier sind beide Systeme miteinander kombiniert.


Die Kranbahnen und ein Teil der Brücken sind in Aluminium ausgeführt, die Brücken mit höheren Traglasten (250 kg bis 2 t) in Stahl. Still setzt bei sämtlichen KBK-Anlagen die Profile mit innenliegender Schleifleitung ein, die sich auch mit langen Kranbrücken ausrüsten lassen und dann große Arbeitsbereiche überfahren. Bei diesem Projekt sind zu fünf Krane auf einer Bahn unterwegs. Diese Handhabungssysteme lassen sich überhangsfrei realisieren, und es können nicht nur Optionen aus dem umfangreichen Konstruktionsbaukasten, sondern auch Sonderwünsche erfüllt werden.


Das KBK-System bewährt sich weltweit bei unterschiedlichsten Kommissionier-, Handlings- und Montageaufgaben. Anlagen mit mehr als 10000 km KBK-Profilen hat Demag in mehr als 50 Jahren weltweit in den unterschiedlichsten Branchen installiert. Für Still ist das System ideal, weil es größtmögliche Flexibilität zulässt. Timo Koppe: „Wir haben nicht nur eine große Teilevielfalt zu bewältigen, sondern wir kommissionieren auch die unterschiedlichsten Komponenten: großformatige Bleche ebenso wie kleinere, aber schwere Bauteile – und das an einem Arbeitsplatz. Entsprechend flexibel muss das Handhabungssystem sein, zumal ja auch stetig neue Komponenten hinzukommen.“

 

Handhabungstechnik aus dem Baukasten


Außerdem ist die Logistik zwar ähnlich aufgebaut wie in der Automobilproduktion, aber die Stückzahlen sind geringer und die Varianz extrem hoch: Jeden einzelnen Staplertypen gibt es in unterschiedlichsten Ausführungen, und die Auswahlmöglichkeiten betreffen nicht nur die Ausstattung, sondern auch die Höhe, Länge und Breite des gesamten Geräts.
In der Halle, in der u. a. auch die Kommissionierung stattfindet, wurden insgesamt sechs KBK-Anlagen mit zwei bis vier Kranarbeitsplätzen pro Bahn installiert. Alle werden über innenliegende Schleifleitungen mit Energie und Signalen versorgt. An sämtlichen Arbeitsplätzen und egal ob „Fast mover“ (die bei fast jedem gefertigten Stapler verbaut werden) oder „Slow mover“ gehandhabt werden: Das Leichtkransystem bewährt sich – auch deshalb, weil Still die umfassenden Möglichkeiten des Kranbaukastens Demag KBK intensiv nutzt.

 

Fahrzeugversand: Finish mit KBK und Portalkran


Im Versandbereich des Logistikzentrums werden die frisch gefertigten Geräte für die Auslieferung komplettiert. Hier findet eine Endkontrolle statt, die Batterie wird eingebaut und der Stapler mit den vom Kunden gewünschten Gabeln ausgestattet. Still kommt in diesem Bereich mit einem KBK-System aus, das an fünf Arbeitsplätzen u. a. bei der Montage der von Gabelzinken und Lastschutzgittern verwendet wird. Insgesamt sind in den beiden Logistikhallen sieben KBK-Anlagen mit 192 m Bahnlänge und 18 Kranarbeitsplätzen installiert.


Zusätzlich ist in der zweiten Halle, in der u. a. Blocklager für Großkomponenten eingerichtet sind, ein Säulenschwenkkran mit einer stattlichen Ausladung von sieben Meter eingerichtet. Er ermöglicht auch das Aus- und Umpacken sowie das Handling schwerer Lasten wie z. B. Antriebsachsen und erreicht dabei einen großen Aktionsradius.

 

Batteriemontage mit 3,2 t-Portalkran


Für die Montage der Batterie haben die Planer eine Sonderlösung aus dem Demag-Baukasten realisiert. Da die Batterien sehr schwer sind und präzise positioniert werden müssen, hat sich Still für einen 3,2 t-Kran entschieden, der als Deckenkran in einem Portal aufgehängt wurde und den kompakten Arbeitsbereich der Batteriemontage abdeckt. Das ist hier problemlos möglich, da an diesem Arbeitsplatz keine anderen Arbeiten erledigt werden müssen und keine große Reichweite erforderlich ist.

 

Sicheres Handhaben schwerer Lasten – mit dem Manulift


An den Arbeitsplätzen für die Handhabung schwererer oder unhandlicher Lasten arbeiten die Bediener mit dem Demag Manulift. Er erlaubt die Bedienung des Kettenzuges mit einer Hand, mit der anderen kann der Bediener die Last führen. Timo Koppe: „Das ist zum Beispiel beim Einheben der Blechtafeln für den Rahmenbau oder beim Handling größerer Schweißkonstruktionen eine echte Erleichterung für die Mitarbeiter.“ Weil sich das Prinzip des Manulift so gut bewährt, hat Still nachträglich noch einige weitere KBK-Arbeitsplätze damit ausgerüstet. Für diesen Zweck hat Demag eine Sonderkonstruktion mit erhöhter Tragkraft von 500 kg realisiert.

 

Hoher Eigenanteil bei der Planung


Die Still-Logistiker haben die Arbeitsplätze weitgehend in Eigenregie geplant, wurden dabei aber von den Experten des Demag-Vertriebsbüros in Hamburg unterstützt. Mit dem Ergebnis sind die Betreiber des neuen Logistikzentrums rundum zufrieden. Auch das Gesamtkonzept überzeugt auf der ganzen Linie: Der Planer ECE erhielt für dieses Projekt die Auszeichnung „Logix Award 2017“, die alle zwei Jahre für herausragende Logistikimmobilien-Entwicklungen vergeben wird.


www.demagcranes.de

 

Titelthema aus dhf 7-8.2018

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