Foto: SSI Schäfer
Rennpferde im Lager

Das für seine Taschen und Lederwaren mit Rennpferd-Prägung bekannte Label Longchamp setzt auch in seinem Lager auf Schnelligkeit, wenn auch ohne Reiter.

Denn die acht fahrerlosen Transportfahrzeuge sorgen durch einen vollautomatischen Palettentransport für effizienten Materialfluss vom Fertigwarenlager zur Kommissionierung.

Das Unternehmen Longchamp wurde 1948 von Jean Cassegrain in Paris gegründet und wird nach wie vor von der Familie geführt. Die Handtaschen, das Reisegepäck und die Accessoires von Longchamp sind weltweit für ihre Qualität und das darin umgesetzte Know-how bekannt. Das Angebot des Labels umfasst mittlerweile auch Schuh- und Prêt-a-Porter-Kollektionen.


Longchamp ist eine internationale Marke, deren Elan und Energie auch nach Jahrzehnten im Business nicht nachgelassen hat. Sie ist der Inbegriff für französische Eleganz und eine inspirierende Kreativität. Longchamp spricht Frauen in der ganzen Welt an, die gerne etwas Luxus in ihren Alltag bringen. Erfrischende Werbekampagnen und eine anregende Zusammenarbeit mit einigen Künstlern unterstreichen den zeitgenössischen und spielerischen Geist des Hauses Longchamp, das weltweit mit mehr als 290 exklusiven Boutiquen vertreten ist.


Bereits 2009/2010 realisierte SSI Schäfer aus Neunkirchen ein maßgeschneidertes „Pick and pack“-System für den Luxus-Lederwarenhändler mit einer automatischen Förderanlage für die Kommissionierung der Artikel und Sequenzierung der Auftragsbehälter vor der Verpackung sowie die Sortierung der Kundenauslieferungen im Versand. „Mit Hilfe der Logistikplattform werden unsere Produkte im Lager angenommen, eingelagert sowie kommissioniert und die fertiggestellten Produkte verschickt, durchschnittlich etwa 20000 Artikel pro Tag,“ so Albin De Macedo, Logistikverantwortlicher bei Longchamp. Aufgrund der starken Absatzsteigerung in Europa und auf der ganzen Welt stieß der Hersteller damit aber bereits nach dreijährigem Betrieb an seine Kapazitätsgrenzen. Es wurde daher Zeit für eine neue Investition, um die Logistikflächen sowie die Leistungen in einem neuen Gebäude zu verdoppeln. Aufgrund der sachkundigen Angebote und der guten Erfahrungen aus dem ersten Projekt entschieden sich die Verantwortlichen hierbei erneut für eine Zusammenarbeit mit dem Komplettanbieter SSI Schäfer. „Die im Rahmen des ersten Projektes unter Beweis gestellte Professionalität und Zusammenarbeit waren die wesentlichen Gründe, weshalb wir uns für eine erneute Zusammenarbeit mit SSI Schäfer entschieden haben“, begründet Albin De Macedo die Entscheidung. Der neue Auftrag umfasste neben dem Umzug der bestehenden Lagereinrichtung den Aufbau neuer Regalsysteme, die Integration neuer Ausstattung in das Behälterfördersystem und das System für die Beseitigung gebrauchter Kartons sowie die Lieferung und Inbetriebnahme eines Senkrechtförderers und einer Förderanlage für Paletten. Für den Nachschub aus dem Fertigwarenlager und zum Auffüllen der Kommissionierregale konzipierte SSI Schäfer zusammen mit Longchamp zudem ein fahrerloses Transportsystem (FTS), das über ein intelligentes dezentrales Steuerungssystem gesteuert wird.

 

Modularität, Flexibilität und Koordination


Der Einbau der Erweiterung am Standort Segré erfolgte phasenweise. Zunächst installierte SSI Schäfer die neuen, einfach- und doppeltiefen Palettenregale als auch neue Durchlauf- und Fachbodenregale für die Kommissionierung sowie etwa die Hälfte der geplanten Förderanlage. Wir haben die in 2010 installierte Förderanlage natürlich durch die Integration im neuen Gebäude wiederverwendet. Die Herausforderung bestand darin, jede alte Fördereinheit an den neuen Plan anzupassen. „Das war ein bisschen wie Tetris spielen, nur mit Förderern“, erinnert sich Sylvain Cerise, Leiter der Abteilung Automatisierung von SSI Schäfer SAS, die französische Niederlassung der SSI Schäfer Gruppe. Da die Lieferfähigkeit von Longchamp zu keiner Zeit gefährdet sein durfte, musste die in Phase 1 aufgebaute Neuanlage erst in vollem Umfang funktionieren, bevor die alte Anlage abgeschaltet werden konnte. Nach einigen Wochen des Betriebs dieser ersten Phase startete die zweite Phase mit dem Abbau der bestehenden Anlage im alten Gebäude und der Rekonfiguration im neuen Lager. Die folgende Phase umfasste die Integration des Kommissionierungssystems mit Funkterminals und des bereits seit 2010 implementierten Materialflusssteuersystems Wamas C. „Erst nach dieser letzten Phase erfolgte die Inbetriebnahme des gesamten Systems“, erklärte Sylvain Cerise.

 

Eine Pferderennbahn für fahrerlose Transportfahrzeuge


Neben dem erweiterten „Pick and pack“-System realisierte SSI Schäfer auch vier Ware-zum-Mann-Kommissionierzonen, die über fahrerlose Transportsysteme (FTS) von dem belgischen Anbieter MoTuM, an dem SSI Schäfer nunmehr eine Mehrheitsbeteiligung hält, mit Nachschub versorgt werden. Die FTS transportieren die Paletten über die 300 Meter lange Strecke vom Palettenlager in die Kommissionierzone. Bei der Ankunft am Zielort ordnen die FTS die Paletten komplett automatisch in einem zweistöckigen Regallagersystem ein. Während die Schnelldreher direkt mit dem FTS aufgefüllt werden, hat SSI Schäfer für die Langsamdreher ein Palettenfördersystem mit Senkrechtförderer installiert. Dieses ermöglicht den Zugang zu den höheren Etagen der Kommissionierplattformen. Auch dieses Fördersystem wird mit den FTS beschickt.


„Durch die bestehende Konfiguration mit sehr schmalen Gängen und langen Fahrwegen war ein FTS die beste Lösung. Dieses System hat einen geringen Platzbedarf, arbeitet präzise und hat einen optimalen Return on Investment von zwei Jahren“, erklärt Pieter Van Caesbroeck, Geschäftsführer bei MoTuM NV. Die Nachschublieferung durch das FTS erlaubt zudem die Reduzierung der Anzahl von short picks und sorgt dafür, dass Paletten mit den benötigten Artikeln nach der Bestellung auch rasch und direkt an der richtigen Position angeliefert werden. „Die FTS-Lösung ermöglicht einen reaktionsschnellen und präzisen Nachschub an Produkten für die Kommissionierung", so Albin De Macedo. Bereits in der Planung legte Longchamp großen Wert auf die Skalierbarkeit der Lösung, um weiteres Wachstum zukünftig zum Beispiel im E-Commerce einfach durch den Einsatz weiterer FTS bewältigen zu können.


Um die Leistung und Verfügbarkeit der Fahrzeuge in zwei achtstündigen Schichten mit Einsatzzeiten von 14 Stunden an sechs Tagen in der Woche zu maximieren, hat MoTuM die FTS mit einem hoch performanten Batteriesystem auf Lithium-Ionen-Basis ausgestattet. Diese wartungsfreien Batterien zeichnen sich durch ihren kurzen Ladezyklus und die Möglichkeit rascher und effizienter Zwischenladungen aus.


Die größte Herausforderung des Projekts war für Pieter Van Caesbroeck die Größe und Komplexität der Anlage mit 5000 Entnahme- und Lagerpositionen und über 15000 Artikeln. Diese Komplexität musste auch im dezentralen Steuerungssystem der Fahrzeuge abgebildet werden, das für die optimale Auslastung des Systems sorgt, indem immer das nächste freie Fahrzeug selbstständig den anstehenden Transport übernimmt. Dahinter steckt ein intelligenter Zuordnungs- und dynamischer Routing-Algorithmus, der diesem System eine Effizienz am neuesten Stand der Technik verleiht.

 

Doppelte Kapazität


Die Umsetzung des Gesamtkonzepts verlief zur vollsten Zufriedenheit von Longchamp. „Die Inbetriebnahme der neuen Anlage fand zu den vereinbarten Terminen und unter Einhaltung der Hauptbedingung statt, nämlich, dass es keine Unterbrechung der Kommissionierung geben dürfte. Auch das Umschalten zwischen den beiden Anlagen verlief reibungslos“, stellt Albin De Macedo fest und lobt die Zusammenarbeit mit SSI Schäfer. „Die Logistikplattform ist nun für den Versand von bis zu 65000 Artikeln ausgelegt, was einer Verdoppelung unseres aktuellen Bedarfs bei Longchamp entspricht“, resümiert Albin De Macedo.

www.ssi-schaefer.com

 

Beitrag aus dhf 5.2016

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