Foto: Witron
Logistisches Herz im Ersatzteilgeschäft

Der tschechische Automobilhersteller Škoda beliefert aus seinem European Spare Parts Center in Mladá Boleslav Vertragspartner in aktuell 106 Ländern weltweit. Pro Tag werden dort mehr als 26000 Bestellungen abgewickelt.

 

Das Sortiment umfasst 185000 verschiedene Artikel. Eine zentrale Aufgabe weist dabei das automatische Kleinteilelager auf. Aufgrund der zunehmenden Artikelvielfalt wurde die bestehende Anlage nun erweitert, um den hohen Anforderungen an die logistischen Prozesse gerecht zu werden. Auch das bestehende Stapler-Leit-System wurde durch eine moderne ITM-Anwendung auf den neuesten Stand der Technik gebracht.


Für einen erfolgreichen Automobilhersteller spielt heute nicht mehr nur der Verkauf von Neuwagen eine Rolle. Immer wichtiger ist mittlerweile das Ersatzteil- beziehungsweise After-Sales-Geschäft geworden. Denn eine hohe Professionalität bei der Kundenbetreuung, der Qualität, der Reparatur oder dem Service sorgt in Zeiten immer intensiveren Wettbewerbs nicht nur für eine hohe Kundenbindung. Die daraus generierten Umsätze sind im Laufe der vergangenen Jahre immer weiter gestiegen. Škoda etwa erwirtschaftet heute mit dem Verkauf von Originalteilen und Originalzubehör (OT/OZ) mehr als 600 Millionen Euro Umsatz pro Jahr.


„Die größte Herausforderung für die Logistik im Bereich der Lieferungen von OT/OZ im Verkauf sind deren Qualität, die Liefergeschwindigkeit, die Termintreue und die Sortimentskomplexität (Verfügbarkeit) – und natürlich auch der Preis“, sagt Petr Jira, Betriebssysteme und Resources After Sales Škoda. „Der wichtigste Parameter für die Messung der Logistikleistung ist der sogenannte Servicegrad (SG), mit dem wir die Erfolgsquote aller After-Sales-Lieferungen im Rahmen der ersten Zustellung messen.“ Das Ziel für die Logistik bestehe vor allem darin, stabil einen Wert von 98 Prozent bei der ersten Lieferung nach Bestellung zu erreichen und somit die Konzernziele zu erfüllen, die für Schnell- und Lageraufträge festgelegt sind. Um dies dauerhaft sicherstellen zu können, ist ein hoch leistungsfähiges und flexibles Logistiksystem absolute Grundvoraussetzung. „Im Servicegrad enthalten ist natürlich auch die Kommissionierqualität“, so Petr Jira. Hier liegt das Konzernziel bei maximal drei Reklamationen bei 1000 gelieferten Teilen. „Aufgrund unserer modernen Logistiksysteme liegen wir unter diesem Wert.“

 

Hohe Flexibilität, Geschwindigkeit und Verfügbarkeit


„Leistung ist gleich Produktivität“, bringt es Petr Jira auf den Punkt. Denn insbesondere die optimale Nutzung der maximal möglichen Lagerkapazitäten bei gleichzeitiger Senkung der Betriebskosten sowie andererseits die Beibehaltung beziehungsweise Steigerung des Servicegrades ist für Škoda von zentraler Bedeutung.


Die hohe Flexibilität in der Logistik ist deshalb so wichtig, weil im Ersatzteilzentrum in Mladá Boleslav im Drei-Schicht-Betrieb zwei ganz unterschiedliche logistische Grundprozesse ablaufen: Zum einen werden im Sinne eines Einzelhandelsgeschäfts von hier aus sämtliche Ersatzteile der Konzernmarken VW, Audi und Seat an alle 460 Servicepartner beziehungsweise Vertragswerkstätten in Tschechien, der Slowakei und dem Baltikum verschickt. Dabei gilt: Bestellung bis 18 Uhr, Lieferung im Verlauf des darauffolgenden Vormittags. Zum anderen beliefert man aus Mladá Boleslav Škoda-Großhändler in 106 Ländern weltweit mit dem gesamten Škoda Ersatzteilsortiment. In Zahlen bedeutet dies, dass der Einzelhandel durchschnittlich 65 Prozent aller kommissionierten Teile erhält, der Großhandel hingegen rund 65 Prozent des kommissionierten Volumens.


Diese vollkommen unterschiedlichen Prozessabläufe müssen in der Struktur des European Spare Parts Centers durch ein effizientes logistisches Gesamtkonzept wirtschaftlich abgebildet werden. „Denn einer der Hauptvorteile unserer OT/OZ-Lieferungen gegenüber der Konkurrenz ist, dass wir das komplette Sortiment in unseren Lagern vorrätig haben und es unseren Kunden weltweit schnell zur Verfügung stellen können. Das hebt uns von den freien Werkstätten und Autoteileanbietern ab, die häufig nur Schnelldreher anbieten.“ Insgesamt werden von Mladá Boleslav aus mehr als 550 Händler, Servicepartner und Importeure beliefert.

 

Automatisches Kleinteilelager mit zukunftsweisenden Arbeitsplätzen


Mit ausschließlich manuellen Lagerbereichen ist eine solche hohe logistische Komplexität nicht abzubilden. Aus diesem Grund arbeitet Šloda seit 1998 im Bereich der Lagerautomatisierung mit dem Planungs- und Realisierungsspezialisten Witron aus Parkstein zusammen. „Škoda erwartet von seinen strategischen Partnern innovative Ideen und Witron liefert uns diese innovativen Ideen“, hebt Petr Jira hervor.


Als Herzstück des Ersatzteil-Logistikzentrums fungiert ein automatisches Kleinteilelager (AKL) zur Lagerung von kleinen und mittelgroßen OT/OZ mit hoher Umschlagsgeschwindigkeit. Dieses wurde seit 1998 permanent erweitert. Die abgeschlossene Erweiterung beinhaltet drei Gassen mit insgesamt 34560 Behälterplätzen. Fünf verschiedene Behältertypen, bis zu vierfach unterteilt, sorgen für eine maximale Raumausnutzung im AKL. Es befindet sich in einem baulich separaten Bereich, in unmittelbarer Nähe zum bestehenden AKL, verbunden durch Fördertechnik. Integriert wurden auch drei neue Arbeitsplätze, gestaltet nach höchsten ergonomischen Vorgaben. Die Umsetzung erfolgte bei vollem Betrieb des ŠPC, ohne das laufende Tagesgeschäft zu beinträchtigen.


„Die Erweiterung des AKL war für uns einer der strategischen Schritte zur Absicherung einer hinreichenden Kapazität und Bearbeitungsgeschwindigkeit der Kundenaufträge“, erklärt Jira. „Dabei ging es nicht nur um die Erhöhung der Lagerkapazität, sondern auch um die Absicherung der Kommissionierungsleistung und Bearbeitungsgeschwindigkeit der Aufträge.“ Denn für die Erweiterung der Kapazitäten und die Entwicklung des Niveaus der Lagerautomatisierung im ŠPC gebe es im Wesentlichen zwei Gründe: Zum einen befindet man sich in einer Modelloffensive bei der Fahrzeugproduktion von Škoda und die Produktionskapazität wächst beständig, dies führt auch zu einem Anstieg im Sortiment von OT/OZ. Zum anderen bestellen die Kunden heute öfter, bedarfsgerechter, in immer kleineren Mengen. „Manche Kunden würden am liebsten komplett auf eine eigene Lagerhaltung verzichten und stattdessen die Teile in noch kürzeren Frequenzen aus Mladá Boleslav abrufen“, so Jira.


Im 13-gassigen AKL verfügt Škoda inklusive der Erweiterung über rund 140000 Lagerplätze. Der Füllgrad liegt durchschnittlich bei 85 bis 90 Prozent. Über 40 Prozent der täglichen Bestellpositionen werden hier bearbeitet.

 

OPS beherrscht breites Artikelspektrum problemlos


Škoda vertraut im ŠPC dem integrierten Lager- und Kommissioniersystem OPS (Order Picking System), welches sich weltweit bei zahlreichen Projekten im Bereich der Teile-Distribution sowie in der E-Commerce-Logistik- bewährt hat. So kann mittels OPS ein sehr breites Artikelspektrum mit einer Vielzahl an Klein- und Kleinstartikeln problemlos beherrscht werden. Pufferstrecken vor den Arbeitsplätzen ermöglichen die sequentielle Bereitstellung der Lagerbehälter und entlasten diese gleichzeitig von der Geschwindigkeit der hochdynamischen Regalbediengeräte der Witron-Tochter FAS.


Für die in Mladá Boleslav durchgeführte Erweiterung hat Witron gemeinsam mit Škoda und dem TÜV Rheinland patentierte Pick-Arbeitsplätze entwickelt, welche in Bezug auf Arbeitsplatzergonomie die hohen Konzernanforderungen vollumfänglich erfüllen. „Diese beinhalten das Bereitstellen der Ware nach dem Waren-zur-Person-Prinzip, um 45 Grad geneigte Behälter, die Höhenverstellbarkeit des Arbeitsplatzes mittels eigenentwickelter Bodenplatten sowie eine signifikante Geräuschreduktion am Arbeitsplatz und in der ganzen Anlage. Ebenso müssen aufgrund der komplett automatisierten Zu- und Abführung die Behälter nicht mehr gehoben beziehungsweise getragen werden“, erklärt Witron-Prokurist Josef Gallersdörfer. „Des Weiteren besteht für den Kommissionierer die Möglichkeit, wahlweise während der Arbeit zu sitzen oder zu stehen beziehungsweise Touch-Screens oder ein Fußpedal zum Quittieren der Aufträge zu nutzen.“ Zudem sind die Arbeitsplätze hell und optisch ansprechend gestaltet, um so eine gewisse Wohlfühlatmosphäre für den Mitarbeiter zu schaffen. Denn gute und zufriedene Mitarbeiter sind für Škoda die Basis für langfristigen wirtschaftlichen Erfolg. An jedem der drei neuen Arbeitsplätze können bis zu zehn Aufträge parallel kommissioniert werden. Ein Lagerbehälter kann hier bis zu vier verschiedene Produkte gleichzeitig enthalten. Die weitestgehend fehlerfreie Kommissionierung ist durch den Einsatz von Pick-by-Light-Anzeigen sowie integrierte Flächenscanner gewährleistet. Ebenso wird der Mitarbeiter durch akustische Signale auf Kommissionierfehler aufmerksam gemacht. Jeder Prozessschritt wird mit Terminal-Dialogen transparent dargestellt. Die durchschnittliche Kommissioniergeschwindigkeit liegt bei 220 Picks pro Arbeitsplatz/Stunde.

 

Maximale Lagerverdichtung mit neuen Technologien


Um eine maximale Verdichtung im Lager zu erreichen, kommt bei Škoda eine weitere technische Witron-Innovation zum Tragen. Die im neuen AKL verwendeten Behälter unterschiedlichster Größe und Höhe werden auf Trays transportiert.


Dabei ist der Boden der Tray-Trägerplatte so flexibel konzipiert, dass damit zwischen ein und vier Behälter gleichzeitig transportiert werden können. Erkennt das OPS-System, dass sich beispielsweise auf Trays mit zwei beziehungsweise vier Behältern eine gewisse Anzahl an leeren Behältern im AKL befindet, werden diese automatisch an einen Verdichtungsplatz ausgeschleust. Hier erfolgt die Trennung von vollen und leeren Behältern. Volle Behälter werden mechanisiert auf einem Zweier- beziehungsweise Vierer-Tray zusammengeführt und gehen zurück ins AKL. Leere Trays werden ebenso mechanisiert auf einem Zweier-beziehungsweise Vierer-Tray gebündelt und kommen in den Wareneingang, wo sie unmittelbar wieder befüllt werden können. Am Verdichtungsplatz erfolgt die Verdichtung jedoch nicht nur mechanisch, sondern wird unmittelbar IT-technisch im Lagerverwaltungssystem aktualisiert. Eine manuelle Unterstützung ist für diesen Prozess nicht mehr notwendig. „Diese systemseitige Verdichtung ermöglicht es, volle und leere Behälter zu trennen sowie automatisch und softwaretechnisch wieder zusammenzuführen, um die vorhandenen Lagerkapazitäten optimal auszunutzen“, sagt Gallersdörfer. „Durch die dadurch erreichte Kompaktheit in der Anlage kann so ein noch größeres Sortiment im AKL logistisch effizient abgearbeitet werden.“

 

Modernes Staplerleitsystem ITM erfolgreich realisiert


Im Rahmen eines durchgängigen, ganzheitlichen Logistik-Gesamtkonzepts hat Škoda mit Witron auch ein neues Staplerleitsystem erfolgreich integriert.


Nach 15 Betriebsjahren wurde das bestehende Staplerleitsystem M.O.B durch die aktuelle, datenbankbasierte Produktlösung ITM (Integrated Transfer Management) für die Transportoptimierung in den manuellen Lagerbereichen abgelöst. Bereits zwei Tage nach Hochlauf wurden 100 Prozent der definierten Leistung erreicht. ITM kommuniziert bei Škoda direkt mit der SAP-Lagerverwaltung. Mittels ITM werden nicht nur große und sperrige Produkte transportiert, die im AKL nicht verwaltet werden können. Auch der komplette Warentransport zwischen verschiedenen Lagerbereichen des insgesamt 74 Quadratmeter großen Škoda-Areals wird über ITM gesteuert. Eine Vielzahl an Funktionalitäten für die Wareneingangserfassung, Einlagerung, Umlagerung, Kommissionierung sowie den Warenausgang optimieren die Prozesse in den unterschiedlichsten manuellen Lagerbereichen von Škoda. Ausgereifte Funktionalitäten, unter anderem für die automatische Auftragszuteilung, Wegeoptimierung oder auch die Einbindung eines Hochregallagers eines Fremdanbieters für den Nachschub, schaffen einen hohen Benefit für das Personal. Aktuell sind circa 160 Logistik-Arbeiter im Dreischichtbetrieb mit Stapler- und Handterminals ausgestattet, ein weiterer Ausbau ist geplant. Des Weiteren verfügt ITM auch über eine nahtlose Integration zum Witron-AKL, damit beispielsweise Auftragsbehälter unmittelbar nach Kommissionierung gebündelt in den Warenausgang beziehungsweise Leerbehälter in den Wareneingang gelangen. Generell kommuniziert ITM als Subsystem über offene Schnittstellen und kann sowohl an SAP als auch an alle weiteren Warenwirtschaftssysteme angebunden werden. Auch die Anbindung an kundenspezifische Lagerverwaltungssysteme ist in der Praxis problemlos möglich. Die beleglose Abwicklung der Transportaufträge erfolgt je nach Kundenwunsch mittels Handterminals, Gabelstapler-Terminals oder Pick-by-Voice-Geräten.


„Die Firma Witron ist für Škoda Auto a.s. und den Bereich OT/OZ bereits über Jahre hinweg ein wichtiger Lieferant von automatisierter und konventioneller Lagertechnik“, sagt Jira. „Während dieser gesamten Zeit sind unsere Erfahrungen in beiden Bereichen durchweg positiv.“ Seit 1998 sind mit Witron mittlerweile weitere fünf größere Projekte erfolgreich umgesetzt worden. „Wir sind davon überzeugt, dass unser Logistikzentrum ein weltweites Benchmark für ähnliche Depots im Bereich OT/OZ-Verkauf ist“, so Jira.


Und für die Zukunft hat Škoda bereits weitere Pläne: Im Verlauf der kommenden Jahre soll das Ersatzteilzentrum in Mladá Boleslav im großen Stil strategisch erweitert und um eine weitere Halle ergänzt werden. Kurzfristig können dann zwei zusätzliche AKL-Gassen installiert, langfristig sollen die zehn älteren Gassen modernisiert und auf den neuesten Stand der Witron-Technologie umgestellt werden. „Bei diesen geplanten Erweiterungen muss man unbedingt auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter eingehen“, sagt Jira. „Unser Anspruch ist es dabei, gemeinsam mit Witron sämtliche Kommissionierarbeitsplätze so modern und ergonomisch wie nur möglich zu gestalten.“

www.witron.de

 

Beitrag aus dhf 6.2016

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